Ein offenes Ohr – Interview mit Helga Nolte, Leiterin von Haus Schutzengel in Hannover

Seit 2008 betreibt der Mukoviszidose e.V. das Haus Schutzengel in Hannover. Hier finden Betroffene und Angehörige eine finanzierbare Unterkunft in der Nähe der Medizinischen Hochschule Hannover. Zum 10-jährigen Bestehen haben wir Helga Nolte, die Leiterin von Haus Schutzengel, getroffen und sie gefragt, was für sie das Haus Schutzengel ist.

Helga Nolte leitet das Haus Schutzengel des Mukoviszidose e.V. in Hannover.

Helga Nolte leitet das Haus Schutzengel des Mukoviszidose e.V. in Hannover. Foto: Joanna Nottebrock

Was ist für Dich das Haus Schutzengel (in zwei Sätzen)?

Es ist für mich nicht nur Beruf, es ist auch Leidenschaft und Berufung. Darum ist es auch mein zweites Zuhause.

Was bietet das Haus Schutzengel den Bewohnern?

Eine Unterkunft, die finanzierbar ist. Ein Zimmer und ein angenehmes Ambiente in der Nähe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), das auf kurzem Weg erreicht werden kann und eine Betreuung der erkrankten Angehörigen in der Klinik möglich macht. Bei Bedarf bieten wir auch Rat und Unterstützung in psychosozialen und sozialrechtlichen Belangen.

Wie finanziert sich das Haus?

Das Haus finanziert sich zu zwei Dritteln aus Einnahmen der Übernachtungen, entweder über die Klinik finanziert – also über die Krankenkasse – oder von den Bewohnern selbst bezahlt. Ein Drittel finanziert sich aus Spenden.

Kannst Du kurz 2-3 Sätze zum Hygienekonzept sagen?

Das Hygienekonzept wurde damals von Professor Tümmler in Kooperation mit der Medizinischen Hochschule entwickelt. Die Vorgaben haben wir durch die Klinik bekommen. Eine Firma hat uns anschließend die Umsetzung des Hygienekonzepts entwickelt, das heißt uns geschult, wie, wie häufig und mit welchen Produkten was zu desinfizieren ist. Das heißt zum Beispiel, dass wir täglich Tischflächen, Türgriffe, Handläufe, Lichtschalter desinfizieren. Also alle Bereiche, die von den Bewohnern täglich angefasst werden. Das ist ein sehr umfangreiches Konzept, das uns täglich gut beschäftig.

Ziel dieser Hygienemaßnahmen ist, dass betroffene Mukoviszidose-Patienten hier nicht mit Keimen konfrontiert werden, die für sie gefährlich werden könnten.

Die Bewohner von Haus Schutzengel treffen sich zum gemeinsamen Frühstück.

Die Bewohner von Haus Schutzengel treffen sich zum gemeinsamen Frühstück. Foto: Joanna Nottebrock

Wie würdest Du die Atmosphäre im Haus beschreiben?

Die Atmosphäre ist sehr familiär. Das heißt, Bewohner, die über einen längeren Zeitraum im Haus wohnen, beschreiben die Wohnsituation als „zweites Zuhause“. Frühstück ist die gemeinsame Mahlzeit, die wir täglich anbieten und die einen Austausch auch untereinander anregt. Anders als im Hotel kennt man sich untereinander und das macht diesen familiären Charakter des Hauses aus.

Gibt es Menschen aus den letzten 10 Jahren, an die Du Dich besonders gut erinnerst?

Ja, die gibt es. Insbesondere Menschen, die ich über einen längeren Zeitraum begleiten konnte, die ich längere Zeit kennengelernt habe, zum Beispiel in der Zeit vor einer Transplantation, in der es ihnen sehr schlecht ging. Nach der Transplantation hat sich ihre gesundheitliche Situation für mein Gefühl sehr schnell deutlich gebessert. Diese Menschen habe ich im Verlauf – d.h. im Rahmen der regelmäßig stattfindenden ambulanten Kontakte – wieder getroffen und bei ihnen hatte ich ein gutes Gefühl, es geht ihnen immer besser, sie erobern sich ihr Leben zurück. Das ist ein tolles Gefühl, das miterleben zu können.

Es gab auch Situationen, wo sich die gesundheitliche Situation zunehmend verschlechterte und dann im letzten Moment ein Organangebot kam. An solchen Wundern teilzuhaben, das ist einfach ein ganz eindrucksvolles und tolles Gefühl. Das ist unbeschreiblich.

Es gibt natürlich auch gesundheitliche Entwicklungen, die nicht so gut verlaufen, bei denen die Klinik nicht die Hilfe bieten konnte, die sich Familien vielleicht vorgestellt hatten. Diese Situationen machen hilflos. Ich bemühe ich dann darum, hier im Haus möglichst eine Atmosphäre zu schaffen, die eine Ruhephase möglich macht, und ein offenes Ohr anzubieten und ein bisschen zu entlasten. Mehr ist in solchen Situationen leider nicht möglich. Das sind die Fälle, an die ich mich natürlich auch gut erinnere.

Wie sind die Rückmeldungen von Bewohnern des Hauses?

Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Wir bekommen so gut wie nie negatives Feedback. Neulich sagte mir ein kleiner dreijähriger Junge, der schon sehr häufig da war: „Ich glaube, ich bleibe jetzt mal hier. Hier ist es so schön und von hier aus kommt man so schnell in den Zoo.“ Trotz der Behandlung in der Klinik ist das eine sehr eindrucksvolle Aussage, wie ich finde. Viele Bewohner geben die Rückmeldung: „Das hat uns sehr geholfen, dass wir hier ein nettes wohnliches Zuhause hatten und die Möglichkeit, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, wenn uns danach war.“

Was wünschst Du Dir für die nächsten 10 Jahre Haus Schutzengel?

Für die nächsten zehn Jahre wünsche ich mir weiterhin eine gute Belegung, eine weiterhin so gute Kooperation mit der Klinik. Ich wünsche mir, dass das vernetzte Angebot muko.fit TX*, also die Betreuung von Familien und Patienten, die mit dem Thema Transplantation befasst sind, nach der Projektphase möglichst weiterläuft. Das finde ich ein sehr sinnvolles Angebot, eine gute Kombination: Die Unterbringung der Angehörigen hier im Haus zur Verfügung zu stellen und die Kinder/Jugendlichen in der Klinik und darüber hinaus im Rahmen von regelmäßigen telefonischen Kontakten zu unterstützen, um zum Beispiel die Therapieumsetzung zu verbessern und bei sozialrechtlichen Fragen zu unterstützen. Das würde ich mir gerne langfristig wünschen.

Mit Helga Nolte sprach Juliane Tiedt.

Weitere Informationen zum Haus Schutzengel

Weitere Informationen zum Jubiläum

*Weitere Informationen zum Projekt muko.fit TX des Mukoviszidose e.V.

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