„Man kann auch ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht“ (Heinz Rühmann) – Haustiere und Mukoviszidose Teil 4

In einem sehr persönlichen Beitrag für unsere Blogserie „Haustiere und Mukoviszidose“ hat uns Sandra Brückmann geschrieben, wie ihre Hunde ihr Leben bereichert und ihr über viele gesundheitliche Tiefpunkte hinweggeholfen haben.

Ich bin Sandra und wurde am 6.September 1986, also vor 30 Jahren, geboren. Schon bei meiner Geburt stand fest, dass ich an Mukoviszidose erkrankt bin. Als ich nach drei Monaten im Krankenhaus endlich nach Hause durfte, waren die Ärzte strikt gegen Haustiere (Haare, Dreck, Bakterien …) So standen meine Eltern vor einer schwierigen Entscheidung: Was passiert mit unseren sechs Huskys???

Aufgewachsen mit sechs Huskys

Die sechs sind in ihrem Rudel aufgewachsen und von meinem Vater und Onkel als Schlittenhunde ausgebildet worden. Außerdem lebten sie nicht 24 Stunden mit in der Wohnung, sondern die meiste Zeit draußen auf dem Hof und im Zwinger. Dadurch wäre es nicht so einfach gewesen, „schnell“ ein neues Zuhause für jeden von ihnen zu finden. Also entschieden sich meine Eltern, alle sechs zu behalten.

So begann mein Zusammenleben mit Hunden. Anfangs war es wie mit jedem Neugeborenen auch: Hygiene einhalten und die Hunde nicht zu nah heran lassen. Aber schon bald hielt ich davon nicht mehr viel und wollte dauernd bei den Hunden sein. Meine Eltern hatten zwar Bedenken, wollten mir die Freude an ihnen aber nicht verderben und merkten außerdem schnell, dass ich durch die häufigen Spaziergänge, das Schlittenfahren und die viele frische Luft fitter blieb. Somit wurden die Hunde ein Teil meiner Therapie. Seither lebten die verschiedensten Hunde in unserer Familie.

Sandra ist mit Hunden aufgewachsen.

Sandra ist mit Hunden aufgewachsen.

Das erste gesundheitliche Tief

Mein erstes großes Tief kam mit elf Jahren. Damals lebte nur noch eine unserer Huskys und auch sie war schon seeehhhr alt. Das Tief hatte damals jedoch weniger mit den Hunden zu tun, sondern eher damit, dass ich keinen Bock mehr auf ständiges Inhalieren, Tabletten nehmen und Therapie machen hatte und mich weigerte. So sank mein FEV1 auf 25% und ich war sehr dürr. Ich wurde in der Schule gemobbt und gehänselt, mein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl waren kaum vorhanden.

Meine Eltern wussten nicht, wie sie mich wieder motivieren konnten, etwas für mich und meine Gesundheit zu tun. Gespräche mit Ärzten und Lehrern verbesserten die Situation kaum. Als es eigentlich schon fast soweit war, für eine neue Lunge gelistet zu werden und eine PEG-Sonde (Magensonde) zu bekommen, lernten wir zufällig eine Frau mit vielen Setter-Mischlings-Welpen kennen und verliebten uns sofort in einen davon. Dieser durfte einige Wochen später dann auch bei uns einziehen.

Sammy, der Welpe

Sammy ist bis heute der tollste Hund, mit dem ich jemals zusammenleben durfte. Er wurde mein bester Kumpel, fast wie ein kleiner Bruder für mich. Ihm konnte ich damals meine Probleme erzählen, ohne die „dummen“ Kommentare der Erwachsenen hören zu müssen

Anfangs ging mein Vater mit ihm in die Welpenschule. Da ich aber zuhause immer mit ihm spazieren ging und viel unterwegs war, durfte ich das Training übernehmen. Wir waren bald ein unschlagbares Team. Bei jedem Matschwetter waren wir draußen. Für mich existierte kein schlechtes Wetter. Stundenlang waren wir im Schneegestöber oder bei Regen unterwegs. Meine Eltern machten sich oft Sorgen um meine Gesundheit. Auch die Keime, die durch den Dreck, das Fell und die Pfoten mit ins Haus kamen, waren Thema. Aber dann sahen sie, wie ich mit Sammy aufblühte und lebenslustiger wurde. So kam auch meine Motivation, wieder etwas mehr Therapie zu machen. Denn für das Training musste ich fit und belastbar sein und ich hatte große Ziele.

Mit dem Turnierhund Sammy bei den deutschen Meisterschaften

Mit 14 Jahren fing ich an, mit Sammy an Turnieren teilzunehmen. Dabei ist Gehorsam und Schnelligkeit auf dem Hindernisparcours (ähnlich wie beim Reitsport) sehr wichtig. Ich ging von da an regelmäßig joggen und unsere Trainerin quälte auch uns Menschen mit Kraft- und Ausdauerübungen, Stretching, Sprints und kilometerlangen Läufen. Anfangs hatte ich große Angst, es wegen meiner schlechten Lunge nicht zu schaffen. Diese verbesserte sich durch den Sport und die daraus folgende Motivation, wieder zu inhalieren und ordentlich Therapie zu machen, jedoch wieder so stark, dass ich meine Lungenfunktionstests mit einem FEV1 von um die 100-110% schaffte.

Sammy und ich waren fast jedes Wochenende auf Turnieren und auch sehr erfolgreich. Wir qualifizierten uns für die deutschen Meisterschaften. Mein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl stieg und bald fühlte ich mich nicht mehr wie eine Außenseiterin. Ich wurde auf unserem Hundeübungsplatz Trainerin und Jugendleiterin. Das hieß noch mehr Aufgaben für mich und mindestens dreimal in der Woche ganztags auf den Übungsplatz.

Leider erkrankte Sammy mit sechs Jahren und konnte keinen so aktiven Sport mehr machen. Dies warf mich in meiner seelischen und gesundheitlichen Verfassung wieder etwas zurück. Ich machte mir große Sorgen um ihn und wollte ihn so schnell noch nicht verlieren. Uns blieben aber nochmal sechs gemeinsame Jahre, ausgedehnte Spaziergänge und ab und zu ein bisschen Toben und Rennen.

Drei Hunde kamen seither für einen Teil ihres Lebens zu uns. Ein verrückter Bordercolli-Mischling (der von fünf Besitzern geschlagen und vernachlässigt wurde), ein kläffiger kleiner verzogener Westi und eine überdrehte Jack-Russel-Diva. Aber keinen konnte ich so sehr ins Herz schließen wie Sammy.

Mit zwölf Jahren ging Sammy von uns. Es riss ein riesiges Loch in mein Leben. Dass man so an einem Tier hängen konnte, wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich hörte als Trainerin und Jugendleiterin auf und kehrte dem Hundesport den Rücken. Damals schwor ich mir, keinen Hund mehr aufzunehmen, weil ich diesen Schmerz nicht noch einmal durchmachen wollte.

Ihre Hunde halfen Sandra auch über gesundheitliche Tiefpunkte hinweg.

Ihre Hunde halfen Sandra auch über gesundheitliche Tiefpunkte hinweg.

Das zweite gesundheitliche Tief

Die zwei Jahre ohne Hund waren die langweiligsten, einsamsten und schrecklichsten, die ich je hatte. Ich ging kaum noch joggen oder spazieren, ich fühlte mich einsam, wenn ich abends heimkam und kein Hund sich schwanzwedelnd freute. Das Aufstehen fiel mir schwer und meistens blieb ich den ganzen Tag im Bett. Ich hatte mein zweites heftiges Tief. Einen Burnout mit starken Depressionen, psychosomatische Probleme, Lungenentzündungen durch Keime auf der Lunge trotz strenger Hygiene und das ohne einen sabbernden Hund, der dreckverschmiert nach Hause kam.

Als es mit etwas besser ging, erkundigte ich mich eine ganze Zeit danach, welche Hunderasse am besten zu mir passte. Für mich war/ist wichtig, dass der Hund gut zu mir und auch ich zu ihm passte, in jeder Lebenslage. Das rate ich jedem, der sich einen Hund anschafft. Auch denen, die keine Mukoviszidose haben.

Ich schrieb mir eine Liste:

– Habe ich das Geld für einen Hund (Anschaffung, Futter, Tierarzt, Versicherung, …)?
– Welpe oder älterer Hund aus dem Tierheim (wichtig ist, was er schon erleben musste)?
– Wie viel Zeit habe ich für einen Hund?
– Was, wenn ich krank bin und nicht zwei Stunden am Tag Gassi gehen kann?
– Wer nimmt ihn, wenn ich ins Krankenhaus / in die Reha muss?
– Was möchte ich mit dem Hund machen, wie will ich ihn fordern (rein Familie, Freizeit, Sport…)?
– Charakter des Hundes (störrisch, schwierig, eigensinnig, …)?
– Wie aufwendig ist seine Pflege (langes Haar, bringt er viel Dreck mit, muss man ihn oft duschen, …)?

Durch den Golden Retriever Lee nach dem Burnout zurück ins Leben

Als ich das alles durchgegangen war, entschied ich mich für einen Golden Retriever: Lee lebt, seit er acht Wochen alt war, bei mir/uns. Inzwischen ist er fünf Jahre alt. Hundesport haben wir nicht mehr angefangen. Er ist zwar sehr klug und wissbegierig, er hat eine Gehorsamsprüfung und wir gehen ab und zu auf den Übungsplatz. Zu richtigem Turnierhundesport fehlt mir nun leider die Zeit. Ich bin inzwischen verheiratet und stolze Mama. Lee ist recht genügsam und ihm reicht es auch mal, wenn wir nur kurz raus gehen und er sein Geschäft verrichten kann und den restliche Tag auf dem Sofa gekuschelt wird. Wenn es mir richtig schlecht geht, kann er zu meinen Eltern. Sie haben seit Sammy keinen Hund mehr und freuen sich immer über seinen Besuch.

Lee liebt lange ausgedehnte Spaziergänge, Bälle jagen, rennen und toben. Durch ihn habe ich nach meinem Burnout wieder zurück ins Leben gefunden. Er bringt mich mit seiner tollpatschigen und treudoofen Art immer noch jeden Tag zum Lachen. Ich bewundere sein Einfühlungsvermögen und wie er sich meinen Launen anpassen kann. Selbst mein Mann, der Hunde hasst und Lee erst seit zweieinhalb Jahren kennt, hat sich außer in mich sofort in Lee verliebt. Inzwischen haben wir eine fast zweijährige Tochter und Lee vergöttert sie. Er ist der perfekte Familienhund und für mich der perfekteste Kumpel und Alltagsausgleich, den ich mir vorstellen kann. Es ist zwar oft anstrengend, alles unter einen Hut zu bekommen, aber zusammenfassend kann ich bisher sagen, dass ich mir ein Leben ohne Hund nicht vorstellen kann und will. Sooft er sich in Mist, Dreck oder toten Tieren wälzt, ich bin nicht häufiger krank. Im Gegenteil: In den zwei Jahren ohne Hund war ich sehr sehr oft krank.

Ich möchte hiermit NICHT sagen: „Wow kauft euch alle einen Hund, dann geht’s euch besser.“ Man muss es sich gut überlegen. Immerhin wird ein Hund bis zu 15 Jahre alt. Man muss vor der Anschaffung auch an die Zukunft denken. Er ist nicht nur ein Sportgerät, das man in die Ecke stellt, wenn man es nicht mehr braucht oder will.

Ich danke meinen Eltern, dass sie sich für unsere Hunde entschieden haben und ich zusammen mit ihnen aufwachsen durfte. Sie haben mein Leben bereichert und lebenswerter gemacht. Ich hatte eine Aufgabe und daran bin ich gewachsen. Klar waren es auch die Menschen in meinem Leben, aber die Hunde haben einen großen Teil dazu beigetragen.

Sandra Brückmann

„Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund“
(Hildegard von Bingen)

Informationen zu medizinischen Aspekten und zur Hygiene gibt es in Teil 1 unserer Blogserie „Haustiere und Mukoviszidose“

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