„Meine Geschichte soll auch motivieren“

Philipp Michl war Eishockey-Profi, dreimaliger Deutscher Meister im Inline Hockey, war in der Eishockey Junioren Nationalmannschaft – und hat Mukoviszidose. Heute spielt er als Kapitän der Erding Gladiators in der Bayernliga. Im Interview erzählt er uns, was die persönlichen Höhepunkte seiner Eishockey-Laufbahn waren, wie seine Erkrankung seine Karriere beeinflusst hat und warum er erst jetzt offen über seine Krankheit sprechen kann.

Philipp Michl ist Kapitän der Erding Gladiators.
Philipp Michl ist Kapitän der Erding Gladiators.

Philipp Michls Eishockey-Laufbahn

Wie bist Du zum Eishockey gekommen?

Mein Bruder, der vier Jahre älter ist (und der auch CF hat), spielte damals schon Eishockey. Und ich musste als kleiner Bruder immer mit meiner Mama mit ins Eisstadion. Natürlich wollte ich schnell auch das machen, was mein großer Bruder da machte. Also hat meine Mama mir die ersten „Rutschal“ gekauft, die man den kleineren Kindern unter die Straßenschuhe anziehen kann und – so schnell habe ich gar nicht schauen können – bin ich bis heute nicht von diesem Sport weggekommen. Mein Bruder spielte später als Torwart, aber ich bin bis heute lieber Stürmer. Ein gewisses Talent haben dann meine ersten Förderer wie z.B. Hans Huber erkannt und mich auch bei größeren Kids mittrainieren lassen, wo ich aber immer der Kleinste war.

Welche Stationen waren für Dich in Deiner Eishockey-Karriere besonders wichtig?

Ich würde sagen, dass jede Station auf eine Weise wichtig ist. Der Nachwuchs in Erding war zu diesem Zeitpunkt sehr gut und wir haben eine sehr gute Ausbildung bekommen. Der Grundstein wurde sicher in Erding gelegt. Um den Sprung als Profi zu schaffen, musste ich zum EV Landshut in die höchste Junioren-Liga wechseln. Meinem Heimatverein Erding und dem EV Landshut, diesen zwei Vereinen habe ich sehr viel zu verdanken. Die ersten Schritte als Profi beim EV Landshut waren sehr besonders und werde ich so nie vergessen. In Landshut gibt eine große Eishockey-Tradition mit unglaublichen Spielern, die in diesem Verein entstanden sind. Ein Teil davon zu sein, war sehr besonders.

Was war der Höhepunkt Deiner Eishockey-Karriere?

Im Rückblich auf meine Eishockey-Laufbahn bin ich auf sehr vieles stolz. Einen richtigen Höhepunkt gibt es für mich nicht. Aber meine persönlichen Punktbesten-Jahre (Scorer Punkte) in der Oberliga waren sicherlich ein Höhepunkt.

Beim EV Landshut
Beim EV Landshut

Das Highlight ist im Rückblick eigentlich, welche Spieler, Personen und Freunde ich durch diesen Sport kennengelernt habe. Welche Erlebnisse, Reisen und Turniere ich auf der Welt bestreiten durfte.

Du bist auch dreimaliger Deutscher Meister im Inline Hockey. Wie bist Du dazu gekommen?

Im Sommer ist kein Eis. Zu warm 😉

Meine Nachwuchs-Kollegen aus Erding haben den Inlineverein gegründet. Inline-Hockey ist dem Eishockey sehr nahe und ein perfektes Training zur Vorbereitung für den Winter. Es ist anstrengend und macht Spaß. Ohne Sport ging es nie in meinem Leben und dann haben wir auch hier eine Mannschaft angemeldet und dort unsere Meisterschaften gewonnen. Man spielt auf einem speziellen Belag, der in der Eishalle ausgelegt wird, man spielt auch mit dem Puck, also ist die Verbindung zum Eishockey perfekt.

Eishockey und Mukoviszidose – passt das zusammen?

Wie hat die Mukoviszidose Deine Karriere beeinflusst?

Wie viel Platz haben wir? 😉

Ich denke, als Kind ist es nicht zu begreifen und Du selber merkst es auch nicht (meine Eltern haben es mich auch nie spüren lassen, dass etwas anders ist) und Du schaust nicht so sehr auf Unterschiede zu anderen Kindern. Es geht darum, Spaß zu haben. Ein Trainer hat mal zu mir gesagt: „Es geht nicht um gewinnen oder verlieren, es geht darum, wie man das Spiel spielt!“. Während meiner Zeit im Nachwuchs war die CF nicht in meinem Kopf und hat mich nicht so beeinflusst. Aber der Sport hat mir einen großen Teil der Therapie erleichtert. Das Abhusten am Eis fiel bei den anderen Jungs auch nicht auf, obwohl immer etwas herauskam.

Ab der Pubertät, so ab 15 Jahren etwa, waren die Unterschiede schon größer. Die anderen Jungs haben viel an Gewicht zugelegt und Muskelmasse aufgebaut, das war mir ebenso nie möglich. Auch die Unterschiede vom Atmen und von der Ausdauer her wurden im Gegensatz zu den gesunden Mitspielern größer.

Die entscheidenden Schritte, um sich in der höchsten Liga festzubeißen, konnte ich so körperlich nicht mithalten. Ich denke, der größte Unterschied ist, dass Du in dem Alter dann verstehst, dass Du ein Handicap hast, und das zu verkraften, ist nicht gerade leicht. Diese Gedanken so zu kontrollieren und nicht aufzugeben und etwas Positives daraus zu ziehen, ist sehr anstrengend.

Du hast lange Zeit niemandem erzählt, dass Du Mukoviszidose hast, auch Deinen Teamkollegen nicht. Warum?

Im ersten Moment will man es sich vielleicht auch nicht eingestehen. Ich wollte auch nie bevorzugt werden oder Mitleid erhalten. Aber man hat auch Angst, in so einem harten Sport als schwach angesehen zu werden, vor allem wenn Du das Ziel hast Profi zu werden. Man schützt sich selbst und hat natürlich auch Angst, wie alle reagieren oder sich eventuell sogar von Dir abwenden. So ein Gespräch ist sehr emotional und die Reaktion so unterschiedlich. Mir hat auch der Mut für die Offenheit anderen gegenüber gefehlt. 

Ich bin auf diesen Teil nicht so stolz, dass ich es meinen Kameraden verschwiegen habe. Ich denke, keiner hätte schlecht reagiert. Nach der Veröffentlichung haben sich alte Mitspieler gemeldet, die es gelesen haben. Und haben mir ihren Respekt ausgesprochen. Sie meinten aber auch, dass sie jetzt so viele meiner Charakterzüge besser verstehen würden. Also wäre Ehrlichkeit hier einfach besser gewesen. Aber viele Leute kennen die Krankheit so nicht und urteilen leider sehr schnell.

Wie kommt es, dass Du jetzt so offen darüber sprechen kannst?

Die größte Hilfe hierbei war meine Frau. Sie hat nie wirklich verstanden, warum ich es niemanden erzählt habe. Sie ist Arzthelferin und hat sich auch sehr mit der Krankheit beschäftigt. Wenn ich darüber sprechen kann, dann werde ich auch als Person offener. Ohne ihre Hilfe und Unterstützung wüsste es wahrscheinlich heute noch keiner. Sie ist da mein Fels in der Brandung und dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Das Gespräch, in dem ich ihr die Wahrheit gesagt habe, dauerte – glaube ich – vier Stunden, bis ich es geschafft hatte.

Wie geht es Dir heute? Glaubst Du, dass der Sport Deinen Krankheitsverlauf beeinflusst hat?

Michl ist überzeugt, dass der Sport einen positiven Effekt auf seine Mukoviszidose hat.
Michl ist überzeugt, dass der Sport einen positiven Effekt auf seine Mukoviszidose hat.

Ich habe Anfang September mit dem neuen Medikament Kaftrio angefangen und die Ergebnisse sind wirklich erstaunlich. Kein Husten mehr, kaum noch Schleim, die Verdauung ist gut und ich fühle mich wirklich sehr gut. Die Umstellung im Körper war nicht ohne, aber die Ergebnisse sprechen für sich.

Ich denke, ich kann mit Gewissheit sagen, dass der Sport mir sehr geholfen hat. Mein Bruder, der auch CF hat und mit 18 Jahren den Sport aufgab, hat deutlich mehr durchgemacht als ich, was zum Beispiel Krankenhausaufenthalte oder Medikamente betrifft. Ich habe nie mit dem Sport aufgehört. Auch wenn kein Eis im Sommer da war, musste ich mich im Sommer durch Krafttraining und Ausdauersport fit halten.

Ich konnte meine Werte deutlich höher halten als mein Bruder. Natürlich kann es auch sein, dass sein Krankheitsverlauf einfach anders gewesen ist, jeder Mensch ist schließlich unterschiedlich. Aber ich denke, wenn man ihn fragen würde, sähe er es genauso.

Der Sport war und ist unglaublich wichtig. Nicht nur dafür, dass der Schleim rauskommt, es ist ein Training für die Lunge und für den ganzen Körper! Wir müssen eh mehr Kraft aufbringen, um Gleiches zu leisten. Aber für uns ist es nicht nur Sport, sondern auch Therapie. Und jeder, der CF hat, weiß, wie nervig inhalieren sein kann und wie viel Zeit es beansprucht. Es macht einfach keinen Spaß. Sport schon!  

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Dass mehr Leute diese Krankheit kennen und verstehen. Dass die Therapie für CF-Patienten weiter solche Fortschritte macht und dass irgendwann alle, die betroffen sind, ein fast normales Leben haben können. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es braucht noch Zeit und vor allem Unterstützung von Regierung und Sponsoren.

Großer Dank an Eltern und Partner von Mukoviszidose-Betroffenen

Gibt es noch etwas, das Du gerne loswerden würdest?

Michl in Aktion bei den Hannover Indians
Michl in Aktion bei den Hannover Indians

Wir sprechen hier über mich und meinen Werdegang als Eishockeyspieler mit Mukoviszidose. Verrückt! Das war auch immer ein Ziel von mir, es öffentlich zu machen, dass Leute sich aus meiner Geschichte Motivation holen, dass Leute darauf aufmerksam werden. Mit oder ohne CF, man kann alles schaffen, wenn man an sich glaubt. Man braucht Willen, Mut und Ehrgeiz, aber den haben wir CF-ler, denke ich, eh oft mehr als gesunde Menschen. Wir durchleben oft Dinge, die sich keiner vorstellen kann oder will. „Der Weg ist das Ziel!“

Eine Ärztin aus der Haunerschen Kinderklinik München hat mal zu meinen Eltern gesagt: „Niemals aufgeben, es wird was kommen!“. Und sie hatte recht! Es dauerte 27 Jahre, aber ich huste nicht mehr. Nach meinem ersten Training mit dem neuen Medikament saß ich im Auto und habe erstmal geweint. Es war unglaublich und es waren Tränen der Freude.

Es gibt immer Momente im Leben eines „Kranken“, in der man sich frägt: „Warum ich? Diese Momente hat, glaube ich, jeder. Es ist nicht leicht, aber man muss diese Gedanken auch zulassen! Jeder Erfolgsmoment in meinem Sport und meinem Privatleben hat mich diese Frage vergessen lassen.

Zum Schluss ist noch etwas Wichtiges zu sagen: Ich finde nicht nur meine Leistung „besonders“. Viel beeindruckender ist die Leistung der Eltern und der Partner von CF-Patienten. Was sie von Anfang an durchmachen, welche Sorgen sie haben und wie viel Kraft es kostet. Ohne meine Eltern, die mich und meinen Bruder immer unterstützt haben, die zu jedem Arzt mitgefahren sind, die uns zu jedem Training gefahren haben oder auch mich noch so lange in meiner Profi-Laufbahn unterstützt haben, hätte ich das nicht geschafft.

Oft ist es vielleicht nervig, wenn sich die Eltern Sorgen machen, aber jetzt, wo ich selber Kinder habe, sehe ich das anders. Ihre Leistung möchte ich besonders hervorheben. Sie haben uns sehr viel ermöglicht und haben viel gelitten. Man kann ihnen nicht genug dafür danken, dass sie immer stark waren und nie gezweifelt haben. Das beziehe ich auch auf alle Eltern mit einem kranken Kind! Macht weiter, Ihr seid toll, Ihr seid stark, auch wenn es ab und an mal Zweifel, Überforderung, Angst und Trauer gibt.

Auch jeder Partner eines CF-Patienten hat diese Sorgen und muss sich in einigen Dingen umstellen. Dass Ihr uns so liebt, wie wir sind, das ist einfach besonders.

Einen großen Dank auch an alle Ärzte und Schwestern der CF-Ambulanz in der Haunerschen Kinderklink München! Vor allem danke ich meinem ehemaligen Arzt – ein besonderer Mensch! Ich war dort 26 Jahre in Betreuung und habe mich immer wohlgefühlt und ihm wirklich sehr viel zu verdanken. Und vielen Dank auch an meinen jetzigen Arzt, der unsere Krankheit wirklich kennt. In seiner Praxis fühlt man sich als Erwachsener sehr wohl. Wenn Dir ein Arzt seine Privatnummer gibt und Du Dich immer melden kannst, weißt Du, dass ihm an jedem Einzelnem von uns etwas liegt.

Ich bedanke mich auch beim Mukoviszidose e.V. für dieses Interview. Dass meine Geschichte erzählt wird, bedeutet wir sehr viel.

Das Interview führte Juliane Tiedt.

Wer mehr über Philipp Michls Eishockey-Laufbahn erfahren möchte, findet ein Porträt auf Merkur.de

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