Mukoviszidose und Reiten, eine Abwägungssache

Wir haben Euch auf Instagram nach Euren Erfahrungen mit Haustieren gefragt. Daraufhin hat uns auch Nicole geschrieben. Ihr Sohn Hendrick hat Mukoviszidose und Reiten ist seine Leidenschaft. Wie es dazu gekommen ist, hat Nicole uns in diesem Beitrag geschrieben.

Hendricks Leidenschaft ist das Reiten.
Hendricks Leidenschaft ist das Reiten.

Ich bin mir sehr sicher, dass ich vielen Betroffenen direkt aus dem Herzen spreche, wenn ich sage, „Einfach NORMAL sein“ das ist das, was ich mir wünsche. Und genau das ist unser Ansporn. Unserem Sohn eine normale Kindheit zu schenken.

So fing es mit dem Reiten an

Aber jetzt von vorne. Hendrick ist drei Jahre alt und zur Routineuntersuchung in unserer Mukoviszidose-Ambulanz. Im Arztzimmer hängt eine Postkarte an der Pinnwand. „Grüße von der Nachsorgeklinik Tannheim.“ Darauf abgebildet: die wunderschöne Landschaft, der bekannte bunte Löwe vor dem Eingangsbereich und die Reittherapie. „Mama ich möchte auch reiten“, quasselt Hendrick zwischen das Gespräch der Ärztin und mir. So vertieft in das Gespräch über Blutwerte, Gewichtsperzentilen und Lungenfunktion schenke ich diesem Satz von Hendrick nicht viel Aufmerksamkeit. Auf der etwas längeren Heimfahrt fängt Hendrick dann nochmal mit dem Thema an: „Mama, ich möchte auch reiten“. Ich sage ihm, ich werde mich für ihn informieren und wir können ja mal einen Reitstall zum Schnuppern besuchen.

Aus Schnuppern wird Leidenschaft

Allerdings blieb es nicht beim Schnuppern. Seit dem ersten Kennenlernen gab es keine Woche, in der Hendrick das Reiten hätte ausfallen lassen. Nach ca. einem halben Jahr haben wir dann den Reitstall gewechselt, da wir bemerkten, dass es Hendrick wirklich ernst ist. Er wollte Reiten lernen.

Am neuen Stall wurde Hendrick in eine Reitgruppe aufgenommen und hatte sehr viel Spaß. Die Wartezeit zwischen den Terminen (einmal wöchentlich) war für Hendrick schrecklich. Am liebsten wäre er jeden Tag zum Stall. Zügig kam dann noch ein weiterer regelmäßiger Termin für ihn am Stall hinzu. Zweimal wöchentlich war für ihn schon viel besser. Ja und dann kamen die ersten Corona-Quarantänen und der allgemeine Lockdown. Hendrick hat in dieser Zeit sehr gelitten. Er durfte nicht mehr zu den Ponys, zu seinen besten Freunden. In dieser Phase haben wir sehr intensiv gemerkt, wie stark die Bindung zu diesen Tieren ist und wie gut sie ihm in allen Bereichen tun.

Glücklicherweise kamen dann nach und nach wieder Lockerungen und Hendrick konnte wieder zum Stall. Es verging einiges an Zeit und Hendrick übte fleißig Reiten und den Umgang mit den Pferden und Ponys. Irgendwann kam dann der Satz. „Ich wünsche mir ein eigenes Pony“.  Diesem Satz schenkten wir Gehör und nahmen ihn sehr ernst, denn uns war bewusst, dass dieser Satz nicht nur so daher gesagt war, sondern ein echter Herzenswunsch ist.

Ein eigenes Pony

Im Winter 2021 wenige Wochen vor Hendricks 5. Geburtstag haben wir eine Anzeige gelesen und wussten, das ist Hendricks Pony. Wir haben mit den Besitzern telefoniert, einen Termin vereinbart uns die Stute angesehen und unsere Suche, die eigentlich noch gar nicht richtig begonnen hatte, war beendet.

Wir Eltern wussten, worauf wir uns da einlassen, denn Hendricks Papa hatte schon eigene Pferde und ich bin in meiner Jugend auch aktiv geritten. Was uns allerdings schon etwas Bauchgrummeln bereitet hat, war das Wissen, dass mit einem eigenen Pony auch eine erhöhte Keimgefahr für Hendrick besteht. Mit ein paar Regeln, die wir von vornherein aufgestellt haben, ist das Risko für uns aber vertretbar und die positiven Aspekte überwiegen deutlich.

Ich möchte an dieser Stelle keine unserer Regeln hier niederschreiben, denn jeder muss für sich seinen Weg finden, mit dem er im Reinen ist. Bin aber immer offen für einen persönlichen Austausch. Ihr könnt uns gerne über unsere Instagram-Seite anschreiben, wenn Ihr Fragen habt. Instagram: jungs_mit_pferdestaerken

Irgendwann wünschte Hendrick sich ein eigenes Pony.
Irgendwann wünschte Hendrick sich ein eigenes Pony.

Die Vorteile des Reitens

Abschließend möchte ich aber noch kurz auf die positiven Aspekte eingehen, obwohl kurz sehr schwierig wird, da es einfach so viele sind:

  • Bewegung an der frischen Luft bei Wind und Wetter (Stärkung der Abwehrkräfte).
  • Tägliche Physiotherapie (Reiten ist Sport, man hat viel Bewegung und einige Übungen sind denen der Physiotherapie sehr ähnlich).
  • THERAPIEMOTIVATION, ist bei uns ein ganz großes Thema. Ja, die Mukoviszidose-Patienten sollen die Therapie für sich selbst machen, doch dies zu verstehen, ist ein Prozess. Hendrick macht seine Therapie für sein Pony, denn das braucht ihn ja.
  • Stärkung der Wirbelsäule und der aufrechten Haltung. Hendrick hat aufgrund der Mukoviszidose schon einen leichten Rundrücken. Das Gerade-Sitzen und Aufrichten beim Reiten ist die perfekte Übung, um dem entgegenzuwirken.
  • Im Pferd hat man einen FREUND fürs LEBEN, ich würde sogar behaupten man hat einen Therapiepartner.
  • Steuerung der Atemfunktionen: Beim Reiten arbeitet man sehr viel mit Körpersprache, aber auch mit Atemtechnik.
  • Stärkung des Selbstvertrauens und des Selbstwertgefühles
  • Durchhaltevermögen wird gestärkt, denn nicht immer klappt alles auf Anhieb.

Die Liste könnte ich noch weiterführen, doch das würde den Rahmen unseres Beitrages hier sprengen. Sicher interessiert jetzt den ein oder andere, ob sich der Keimstatus unseres Sohnes verändert hat, seitdem er reitet. NEIN. Es ist noch derselbe wie vor dem ersten Mal Reiten. Hendrick hatte schon früh immer wieder Befunde im Rachenabstrich, doch vom Pseudomonas sind wir bis jetzt verschont geblieben. Ob das an unseren Sicherheitsvorkehrungen liegt oder ob wir bis dato einfach nur „Glück“ hatten, weiß ich nicht.  Fest steht, dass wir Hendrick eine so NORMALE Kindheit wie möglich bereiten möchten. Diese Zeit kann ihm niemand mehr zurückgeben und unsere Kleinen müssen oft schon viel zu früh erwachsen sein.

Nicole

Zum Blogbeitrag: Haustiere und Mukoviszidose – Hygienische Aspekte

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