Muskelaufbau mit Mukoviszidose?

Ein Interview mit Dr. Corinna Moos-Thiele, Sportreferentin des Mukoviszidose e.V.

Mittlerweile gehört Sport für viele Mukoviszidose-Betroffene zum Alltag – nicht nur, weil Sport ein Therapiebaustein sein sollte, sondern weil Bewegung Spaß macht. Auch der gezielte Muskelaufbau kann eine Motivation für Sport sein, um an Kraft für den Alltag und an Körpergewicht zu gewinnen. Aber können Mukoviszidose-Betroffene überhaupt Muskelmasse aufbauen? Und worauf sollten CF[1]-ler achten, die gezielt Muskeln aufbauen möchten?

Dr. Corinna Moos-Thiele, Sportreferentin beim Mukoviszidose e. V., beantwortet im Interview für den muko.blog die wichtigsten Fragen.

Corinna Moos-Thiele ist Sportreferentin beim Mukoviszidose e.V.

Corinna Moos-Thiele ist Sportreferentin beim Mukoviszidose e.V.

muko.blog: Frau Moos-Thiele, können Mukoviszidose-Betroffene Muskeln genauso wie Gesunde aufbauen?

Moos-Thiele: Im Prinzip hat ein Mukoviszidose-Patient keine Limitierung darin, Muskulatur aufzubauen. Das funktioniert genauso wie beim Gesunden. Bei gleichem Sportpensum ist ein gleicher Muskelaufbau möglich. Wie viel Muskelmasse jemand aufbauen kann, also wie groß die Muskeln werden, hängt vielmehr davon ab, welche Muskelfasern derjenige besitzt. Menschen des Muskelfaser-Typs 1 besitzen sogenannte „Slow-Twitch-Fasern“ (ST-Fasern). Diese Muskeln sind eher klein und ausdauernd. Personen mit „Fast-Twitch-Fasern“ (FT-Fasern) sind dem Typ 2 zuzuordnen. Ihre Muskeln sind eher groß und dick. Dem Typ 2 fällt es damit leicht „Muskelpakete“ durch ein Training aufzubauen. Wohingegen Typ 1 durch Krafttraining nicht die gleiche Muskelmasse erreichen wird wie ein Typ 2. Dem einen Typ liegt eben genetisch bedingt eher Ausdauersport (Typ 1), dem anderen eher Sportarten, die Schnellkraft erfordern (Typ 2). Es lässt sich auch nicht ändern, welcher Typ man ist. Die Typen haben übrigens mit CF nichts zu tun. Es gibt Mukoviszidose-Betroffene mit Typ 1- und mit Typ 2-Muskelfasern.

muko.blog: Mal ehrlich, irgendwelche Einschränkungen muss es doch geben?

Moos-Thiele: Die einzige körperliche Einschränkung ist, dass ein Mukoviszidose-Betroffener scheinbar im Bereich der maximalen Leistungsfähigkeit Beschränkungen hat. Grund dafür ist wohl eine eingeschränkte Sauerstoffaufnahme aufgrund der CF. Ein Mukoviszidose-Patient wird dadurch eher kein Spitzensprinter werden. Muskeln kann er trotzdem aufbauen – wie jeder andere auch. In der Sportberatung stellen wir aber oft fest, dass sich die CF-Patienten selbst einschränken, indem sie sich sportlich wenig zutrauen. Das gilt nicht im Speziellen für den Muskelaufbau, sondern generell für das Thema Sport. Das ist das eigentliche Problem. Wer sich hier wiederfindet und solche Zweifel kennt, kann sich gerne an die Sportberatung des Mukoviszidose e.V. wenden. Wir beraten online und möchten helfen, dass jeder CF-ler seinen passenden Sport findet. Denn jeder kann seinem Gesundheitszustand entsprechend Sport treiben und sollte das auch tun, weil dadurch die Lunge besser belüftet wird.

muko.blog: Gibt es eine ideale Ernährung für Mukoviszidose-Betroffene, die den Aufbau von Muskelmasse und Gewicht besonders fördert? Man hört ja immer, Eiweiß sei für den Muskelaufbau extrem wichtig.

Moos-Thiele: Das allerwichtigste ist, dass CF-ler viel, viel essen, da bekanntlich schon der Grundumsatz eines Mukoviszidose-Betroffenen hoch ist und Sport noch zusätzlich Energie verbraucht. Möchte man Muskeln aufbauen und an Gewicht zulegen, müssen diese mit genügend Energie versorgt werden. Schon ohne Sport sollten CF-ler auf ca. 130% der Nahrungsaufnahme eines Gesunden achten. Die Ernährungsempfehlung einer hochkalorischen Diät, die bei CF-lern immer gilt, ist also noch wichtiger, wenn Sport getrieben wird. Kohlenhydrate liefern Energie, die der Körper schnell abrufen und direkt für die Muskelarbeit nutzen kann. Wenn der Kohlehydratspeicher leer ist, kann der Muskel nicht mehr leisten. Auf Proteine kann man achten, aber es ist viel wichtiger, dass insgesamt genügend gegessen wird. Wer also durch Sport an Muskeln und Gewicht gewinnen möchte, muss manchmal leider über den Hunger hinaus essen. Freizeitsportler mit Mukoviszidose können sich speziell für den Kraftsportbereich an folgender Nährwertaufteilung orientieren: 50-55% vollwertige Kohlenhydrate, 25-30% Fett und 20-25% Proteine. Daneben sind Lebensmittel mit viel Eisen und vielen Spurenelementen wichtig. Die Nähwertaufteilung spielt aber für den Breitensport und damit auch für sporttreibende Mukoviszidose-Betroffene eine eher untergeordnete Rolle. Denn wirklich sinnvoll ist eine gezielte Nährwertzusammensetzung nur im Leistungssportbereich. Deswegen gilt für sportliche CF-Patienten eigentlich nur: Einfach essen, worauf man Lust hat, und was die Ernährungsberatung für Mukoviszidose-Betroffene empfiehlt, manchmal auch mehr, als man eigentlich möchte. Außerdem sollten CF-ler beim Sport darauf achten, viel zu trinken, am besten Fruchtsaftschorlen mit einer Prise Salz. Bitte Light-Produkte eher vermeiden, da sie mit den künstlichen Süßstoffen u.a. den Insulinspiegel negativ beeinflussen.

muko.blog: Wieviel kann oder sollte man pro Woche durch Krafttraining zunehmen?

Moos-Thiele: Es gibt keine Richtwerte, wieviel man pro Woche zunehmen kann oder soll. In diese Richtung werden keine Studien gemacht. Denn in unserer tendenziell übergewichtigen Gesellschaft geht es immer darum, wie schnell man wie viel abnehmen kann. Hierfür gibt es einen Richtwert: Das sind fünf Prozent des eigenen Körpergewichtes pro Jahr. Wer also 100 Kilo wiegt, sollte pro Jahr 5 Kilo abnehmen, wenn er das gesund und nachhaltig tun möchte. Diese Maßzahl erachte ich auch beim Zunehmen für tauglich, weil es ein erreichbares Ziel ist. Bei jemandem, der 50 Kilo wiegt, wären das 2,5 Kilo pro Jahr. Natürlich ist es motivierender, wenn man schnell eine starke Veränderung sieht, egal ob beim Zu- oder Abnehmen. Einfacher zu realisieren und weniger frustrierend ist es aber, sich mehr Zeit zu geben.

muko.blog: Das heißt aber nicht, dass man erst nach einem Jahr Ergebnisse eines Muskelaufbautrainings sieht?!

Moos-Thiele: Nein. Bereits nach ca. sechs Wochen sieht man einen Trainingsunterschied. Man hat dann ein deutlich gesteigertes Kraftpotenzial. Wie schnell das bei jedem einzelnen Muskel geht, ist unterschiedlich. Zum Beispiel kann der Oberschenkmuskel schneller mehr Kraft haben als der Oberarmmuskel oder umgekehrt, je nach bisherigem Trainingszustand. Wie stark die Trainingserfolge sich in der Größe der Muskeln auswirken, hängt wieder stark von den bereits angesprochenen Muskelfasertypen ab. Führen Personen des Typs 1 und des Typs 2 das gleiche Training sechs Wochen lang durch, hat Typ 2 danach Muskeln mit einem größeren Umfang als Typ 1.

muko.blog: Gibt es Risiken, die sich beim Muskelaufbautraining oder Sport generell für CF-ler ergeben können?

Moos-Thiele: Risiken in Zusammenhang mit einer Mukoviszidose, die speziell bei einem Muskelaufbautraining auftreten, gibt es nicht. Es gibt aber generell ein paar Dinge, worauf man achten sollte. Grundsätzlich ist es empfehlenswert, einmal pro Jahr durch eine Spirometrie[2] zu testen, bei welcher Belastung, also Herzfrequenz bzw. Puls, die Sauerstoffsättigung abfällt. Die Sauerstoffsättigung sollte bei Belastung nicht unter 90 Prozent gehen, eigentlich sollte sie gleich bleiben. Schlappheit, Müdigkeit und Kopfschmerzen sind Anzeichen eines zu starken Sauerstoffabfalls und natürlich blaue Lippen. Eine Messung der Sauerstoffsättigung am Finger während der Belastung ist nicht ideal. Am Finger kann es zu Artefakten kommen, weil es zum einen wackelt, zum anderen pumpt der Körper das Blut in die Muskeln und entzieht es der Peripherie u.a. den Fingern.

Außerdem sind hohe Blutdruckspitzen durch zu große Belastung zu vermeiden. Das gilt nicht nur für Mukoviszidose-Patienten, sondern allgemein im Gesundheitssport. Denn hohe Blutdruckspitzen können unterschiedliche Sekundärerkrankungen auslösen. Auch bei einer vergrößerten Leber oder Milz sind hohe Blutdruckspitzen nicht gut. Das Fatale ist, dass man Blutdruckspitzen nicht bemerkt. Anzeichen können ein roter Kopf oder manchmal Schwindel sein, müssen aber nicht. Menschen mit generell hohem Blutdruck oder Übergewicht neigen eher zu hohen Blutdruckspitzen als Personen mit niedrigem Blutdruck.

Oft ist Diabetes eine Begleiterkrankung der Mukoviszidose. Diabetiker müssen hauptsächlich darauf achten, dass sie nicht in die Unterzuckerungen kommen. Das gilt gerade auch nachts, wenn der Muskelauffülleffekt einsetzt. Eine andere verbreitete Begleiterkrankung bei Mukoviszidose ist die Osteoporose. Hier sind eher ruhige Belastungen mit Druck- und Zugbewegungen zu empfehlen, ein High Intensity-Training dagegen zum Beispiel nicht. Grundsätzlich überwiegen die Vorteile und positiven Effekte, die Sport für Mukoviszidose-Betroffenen hat. Die Lunge wird besser belüftet, das Sekret löst sich einfacher und die dadurch gesteigerte Muskelmasse hilft, den Alltag besser zu meistern.

Mit Corinna Moos-Thiele sprach unsere Gastautorin Alex. Sie absolviert seit einigen Wochen ein hartes Muskelaufbau-Training.

Zur Serie „Strong is sexy – Selbstversuch einer Mukoviszidose-Betroffenen“.

Sportberatung des Mukoviszidose e.V.

Der Mukoviszidose e.V. berät alle Mukoviszidose-Betroffenen, die Sport treiben oder mit Sport starten möchten, bei Fragen und Problemen. Ziel ist es, das passende Training zu finden und langfristig zum Sport zu motivieren. Die Beratung ist online per E-Mail-Kommunikation möglich. Dafür müssen sich Interessierte unter https://muko.beranet.info/ für die Onlineberatung registrieren und anmelden.

[1] CF = Cystische Fibrose, Mukoviszidose

[2] medizinisches Verfahren zur Messung und Aufzeichnung des Lungen- bzw. Atemvolumens und der Luftflussgeschwindigkeiten zur Beurteilung der Lungenfunktion

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Ein Kommentar

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