Neue Medikamente – ein Blick hinter die Kulissen medizinischer Studien

Wenn eine Krankheit nicht oder nicht gut behandelt werden kann, dann wird mit Hochdruck an neuen Medikamenten und Therapien geforscht, so auch in der Mukoviszidose-Behandlung. Mit Kaftrio ist ein Meilenstein in der Mukoviszidose-Therapie erreicht, und wir möchten heute mit Euch einen Blick hinter die Kulissen medizinischer Studien werfen, die unverzichtbare Voraussetzung für solche Forschungsfortschritte sind.

Dörthe Neuner, Studienkoordinatorin am Pneumologischen Studienzentrum München-West, in Aktion
Dörthe Neuner ist Studienkoordinatorin am Pneumologischen Studienzentrum München-West.

Studiennetzwerke und Zusammenarbeit für neue Medikamente

Die Durchführung klinischer Studien ist nicht nur sehr aufwändig und teuer, sondern benötigt die Zusammenarbeit von vielen, gerade bei einer seltenen Erkrankung wie Mukoviszidose. In vielen Ländern gibt es deshalb inzwischen Netzwerke von Studienzentren, in denen internationale Studien durchgeführt werden können und die so die Entwicklung von neuen Medikamenten wie Kaftrio unterstützen. Ohne die konstruktive Zusammenarbeit von Forschern und Ärzten, Studienpersonal, Patienten, der Pharmaindustrie und Patientenorganisationen wäre diese Entwicklung kaum möglich.

Dörthe Neuner, Studienkoordinatorin am Pneumologischen Studienzentrum München-West, erzählt im Interview von ihren praktischen Erfahrungen mit klinischen Studien.

Frau Neuner, Sie sind tagtäglich in die Durchführung von klinischen Studien involviert. Was müssen Sie alles beachten und organisieren, wenn ein neues Medikament an Ihrem Studienzentrum in einer klinischen Studie untersucht werden soll?

Zuerst müssen wir die Machbarkeit der Studie prüfen, d.h. wir ermitteln anhand der im Studienprotokoll vorgegebenen Krankheitsindikation (z.B. Cystische Fibrose oder Asthma) die Anzahl der potentiell geeigneten Patienten, ebenso prüfen wir die im Protokoll festgelegten Ein- und Ausschlusskriterien. Natürlich wird auch die Belastung der Studienteilnehmer während der Studie abgewogen (Risiken, Anzahl der Visiten / zeitl. Aufwand und Dauer der Studie). Wir überschlagen, ob das vorhandene Personal ausreichend sowie die Räumlichkeiten und das benötigte Equipment (z. B. EKG, Geräte zur Überprüfung der Lungenfunktion, Kühl- oder Gefrierschränke) verfügbar ist.

Wenn das alles abgeklärt ist und wir die Studie tatsächlich durchführen können, werden die Unterlagen zur Einreichung der Studie bei der Ethikkommission und dem Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vorbereitet. Eine Ethikkommission ist ein unabhängiges Gutachtergremium zur Beurteilung medizinisch-wissenschaftlicher Forschungsvorhaben. In diesen Gremien sitzen Mediziner, Wissenschaftler, Theologen und Laien, die gemeinsam entscheiden, ob die eingereichte Studie durchgeführt werden darf. Zu einer Einreichung gehören z. B. die Lebensläufe, Approbationsurkunden, Zertifikate, studienspezifische Formulare des gesamten an der Studie beteiligten Personals. Dann beginnen wir auch schon mit der konkreteren Ausarbeitung des Protokolls, d.h. wir erstellen Arbeitsblätter und kümmern uns um die benötigten Materialien. Wir machen einen Zeitplan, in dem die Studie voraussichtlich laufen wird, informieren die Patienten und fragen sie, ob sie evtl. Interesse haben daran teilzunehmen.

Nach einem positiven Votum der Behörden verschicken wir die Einverständniserklärungen an die Patienten und können auch noch konkreter die Visiten planen. Das gesamte Studienpersonal wird dann noch vom Auftraggeber geschult, die sogenannte Initiierungsvisite. Danach kann es im Prinzip losgehen…

Das klingt kompliziert. Kann eigentlich jede Klinik an so einer Studie teilnehmen?

Im Prinzip kann jeder Arzt, der zwei Jahre Erfahrung in der klinischen Forschung hat und eine GCP Schulung (internationale Richtlinien für klinische Studien), teilnehmen. Das hört sich erstmal ganz unkompliziert an, aber natürlich müssen viele Voraussetzungen dafür erfüllt werden. Dazu gehört, dass der Arzt auch einen Vertreter hat (der auch Erfahrung mit Studien haben muss), und natürlich benötigt er besonders geschultes Studienpersonal, sprich Study Nurses oder Studienkoordinatoren. Ansonsten ist es bei der Komplexität von nationalen und internationalen Studien nicht möglich, gute und nachvollziehbare Daten dafür zu erstellen.

Und wie ist das mit den Patienten? Kann jeder Patient an einer Studie teilnehmen, wenn er/sie möchte?

Voraussetzungen für die Patienten an Studien teilzunehmen, sind auch vielfältig. Sie müssen natürlich erstmal die Ein- und Ausschlusskriterien des Studienprotokolls erfüllen, z. B. die Laborwerte, EKG und Lungenfunktion müssen in den im Protokoll festgelegten Normen sein.

Oft sind die Studien zeitlich aufwendig, die Termine sind häufig nicht verschiebbar. Das bedeutet, dass die Patienten wirklich prüfen müssen, ob sie diesen zeitlichen Slot haben. Um eine gute Qualität und Nachvollziehbarkeit der Daten zu liefern, brauchen die Studienzentren zuverlässige Patienten. Auch das ist ein Kriterium, wenn es darum geht, an Studien teilzunehmen.  

Wie läuft dann so eine Studie praktisch ab? Worauf muss man sich als Patient da einstellen? Und wie lange dauert eine Studienteilnahme?

Je nach Studienprotokoll differieren die Visitenanzahl und studienspezifischen Untersuchungen, die während der Studien gemacht werden müssen.  Allerdings gibt es feste Vorgaben, an die sich das Studienpersonal halten muss, z. B. dass die Einverständniserklärung vor allen Untersuchungen zusammen mit dem Studienarzt unterschrieben werden muss. Erst danach dürfen die restlichen diagnostischen Untersuchungen wie z.B. EKG, Lungenfunktion oder Blutentnahmen vom Studienpersonal durchgeführt werden.

Wenn ein Patient für eine Studie geeignet ist, werden ihm die Patienteneinwilligungserklärung und die von uns geplanten Termine geschickt. Nach einer Voruntersuchung, deren Ergebnisse dem Studienpersonal vorliegen, werden noch einmal alle Ein- und Ausschlusskriterien abgeklärt und der Patient darüber informiert, ob er für die Studie passt.

Die Visitenanzahl sowie deren zeitlicher Aufwand ist sehr unterschiedlich. Die Visiten können von zwei bis zwölf Stunden dauern. Unser Zentrum hatte schon Studien, wo die Patienten 48 Stunden in der Praxis/Klinik bleiben mussten. Die Gesamtdauer der klinischen Studien gehen von wenigen Wochen bis hin zu Jahren, bis ein Medikament beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen wird.

Wie werden die Studienergebnisse dokumentiert, und wo werden sie zusammengeführt und ausgewertet? Und kann man später erfahren, was bei der Studie herausgekommen ist?

Für Studien gibt es einen Spruch: „Was nicht dokumentiert ist, ist auch nicht gemacht“. Das sagt eigentlich alles über die Dokumentation aus. Die Zusammenführung der Daten erfolgt meist über eine elektronische Datenbank, das bedeutet, dass wir alles, was wir auf Papier über den Patienten dokumentieren sowie medizinische Untersuchungen (Blutdruck, Puls usw.) dort eintragen müssen. Blutergebnisse laufen häufig über ein Zentrallabor, d.h. ein Labor wertet alle Ergebnisse aller an der Studie beteiligten Zentren aus. Das gleiche gilt häufig für EKGs und Lungenfunktionen. Alle Aufzeichnungen werden von dem Auftraggeber der Studie gesammelt und ausgewertet.

Der Abschlussbericht über die Studienergebnisse erfolgt oft erst Jahre später von den Auftraggebern, dann bekommen auch wir die.

Schließlich würden wir gerne noch wissen: Wie ist das für Sie persönlich, wenn tatsächlich ein Medikament wie z.B. Kaftrio zugelassen wird, an dessen Entwicklung Sie beteiligt waren?

Es ist ein tolles und befriedigendes Gefühl, an einer Medikamentenstudie teilzunehmen, welche so ein effektives und gutes Medikament für Patienten hervorbringt! Tatsächlich ist mir das in meinen 23 Jahren als Studienkoordinatorin erst drei Mal passiert, und zwar in der Mukoviszidose-Forschung (Orkambi, Symkevi und Kaftrio). Trotzdem weiß man in den Momenten, warum man für die Forschung arbeitet.

Vielen Dank für das Interview!

Wer sich für eine Studienteilnahme interessiert, kann zunächst seinen behandelnden Arzt ansprechen. Auf unserer Internetseite findet man in unserer Adress-Suche übrigens auch die CF-Einrichtungen, die generell klinische Studien durchführen.

Zu den Adressen der CF-Einrichtungen in Deutschland

Und neue Studien werden in unserer Studienliste angekündigt.

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