Hacken für den Sauerstoff

Team „Oxyhack“ gewinnt „HealthHack19“ mit der Idee einer „Sauerstofffernbedienung“.

Das Team „Oxyhack“

Connor (25) hat Mukoviszidose. Im November 2019 hat er gemeinsam mit seinen fünf Mitstreitern den ersten Platz beim HealthHack19 der Metropolregion Hannover, Braunschweig, Göttingen, Wolfsburg gewonnen. Seine prämierte Idee: eine Fernbedienung für seinen Sauerstoff-Tank. Im Interview erzählt Connor, was der HealthHack genau ist, wie er auf seine geniale Idee kam und wie es mit der Sauerstofffernbedienung jetzt weitergeht.  

Was genau ist der HealthHack?

Der HealthHack ist eine Initiative der Metropolregion Hannover, Göttingen, Braunschweig, Wolfsburg. Dabei treffen Menschen aus verschiedenen Disziplinen zusammen und entwickeln beim Event Ideen für eine bessere, digitale Gesundheitsversorgung. Ähnliche Veranstaltungen gibt es ja auch mit dem sogenannten CityHack, bei dem es um Ideen für die Stadt von morgen geht.

Wie kam es dazu, dass Ihr teilgenommen habt?

Ich habe das zufällig in unserem Studienportal gelesen. In der Beschreibung stand, dass man kostenfrei teilnehmen kann und dass Ideen für ein zukunftsträchtiges Gesundheitssystem gesucht werden. Die Idee einer – ich nenne es jetzt mal – „Sauerstofffernbedienung“ hatte ich schon ein Jahr davor gehabt und diese Idee passte genau zum Ausschreibungstext.

Ich hatte meine Idee schon mit zwei Freunden an der Uni besprochen, die auch mitmachen wollten, und so ging das Ganze los.

Was studierst du?

Informatik in Braunschweig. Ich habe vorher eine Ausbildung zum Biologie-Laboranten am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig gemacht. Als aber die Thematik „Transplantation“ in meinem Leben Einzug hielt, musste ich mich umorientieren. Denn als Transplantierter sollte man ja nicht mit Bakterien wie zum Beispiel Pseudomonas umgehen. Ich habe dann ziemlich schnell den Schlussstrich gezogen, habe aber lange nach einer Umschulung gesucht und mich dann dazu entschieden, Informatik zu studieren. Ich rege mich im Alltag so oft darüber auf, dass es für Dinge keine intelligenteren Lösungen durch Programme gibt. Die kann ich dann hoffentlich nach meinem Studium selber finden. Ich bin jetzt im 3. Semester, hatte aber überhaupt keine Vorerfahrung, war quasi „Null-Einsteiger“. Das Studium ist daher echt eine Herausforderung, vor allem der Theorie-Teil, aber ich liebe die praktische Arbeit.

Wie bist Du auf deine Idee der „Sauerstofffernbedienung“ gekommen?

Das ist aus einer Panikattacke heraus entstanden: Ich bin nachts aufgewacht und meine Sättigung war nur noch bei 85 Prozent[1], der Puls bei 125[2] – und ich lag. Ich war alleine in der WG; niemand konnte mir helfen. Ich selbst kam nicht hoch, um den Sauerstoff weiter aufzudrehen. Das geht nämlich nur durch ein Rädchen am Sauerstofftank selbst. 25 Jahre Wissen um die CF haben mir geholfen: Atemtherapie, Meditieren und Versuchen, keine Panik zu bekommen. Am nächsten Morgen dachte ich mir: Es kann doch nicht sein, dass ich meine Waschmaschine, meinen Trockner, meine Kaffeemaschine, meine Lichter per Smartphone steuern kann, aber so etwas Überlebenswichtiges wie Sauerstoff nicht. Da ist mir innerlich die Hutschnur geplatzt und ich habe entschieden, das selbst zu entwickeln.

Die Idee der Sauerstofffernbedienung könnte man übrigens auch noch weiterspinnen: Was ist, wenn zusätzlich nachts immer die Sauerstoffsättigung gemessen wird und mir das Gerät automatisch die Menge an Sauerstoff gibt, die ich brauche? Das wäre optimal.

Ich habe die Idee bei meiner letzten Reha dem dortigen Arzt vorgestellt. Er war davon sehr angetan. Denn selbst in Krankenhäusern gibt es noch keine „Fernbedienungen“ für den Sauerstoff-Tank. Benötigt ein Patient mehr Sauerstoff, muss jemand kommen und das Rädchen am Tank drehen. Und wenn Patienten beatmet werden, kann Überdruck beim Sauerstoff auch schädlich sein.

Weißt du, warum es so etwas bislang nicht gibt?

Ich denke, da hat sich niemand hingestellt und gesagt „Ätsch, das machen wir nicht“. Die Chefin der Niedersächsischen TK (Mitveranstalter des HealthHack) meinte am Ende des HealthHack zu mir: „Es trifft mich, dass wir in Gremien sitzen und überlegen, wie wir die Situation für Patienten verbessern können, aber an so etwas Elementares haben wir nicht gedacht.“

Ich glaube also, es war keine aktive Entscheidung, sondern es hatte bislang einfach noch niemand diesen Gedanken. Meistens kommen die Lösungen für Probleme ja auch von denjenigen, die die Probleme haben. Und die meisten Menschen, die Sauerstoff bekommen (sieht man jetzt von den CF-lern ab), also z.B. COPD-Patienten, sind älter und denken vielleicht nicht unbedingt an digitale Lösungen für ihre Probleme.

Wie ist der HealthHack abgelaufen?

Ich habe am Anfang mein Erlebnis mit dem Sauerstoff geschildert und meine Lösung vorgestellt: Eine Fernbedienung oder auch Smartphone-App, die mit einem kleinen Gerät am Sauerstofftank verbunden ist und darüber den Sauerstoff steuert.

Alle Teilnehmer konnten sich dann aussuchen, woran sie mitarbeiten wollten. Am Ende waren wir zu sechst: Yannick, Chris (beides Freunde von mir), Reto, Nils, Simon und ich.

Ich hatte meinen kleinen Sauerstofftank dabei, an dem wir direkt arbeiten konnten. Die Rädchen, die den Sauerstoff regulieren, sind auch bei allen Tanks gleich. Wir haben daran einen Motor befestigt und diesen mit einer Steuerung und einem Server verbunden. Und wir haben dazu die passende App dazu geschrieben. Das hat bis zum nächsten Morgen gedauert. Ich bin allerdings irgendwann nach Hause gegangen, weil ich es von der Lunge her nicht mehr ausgehalten habe, aber meine Mitstreiter haben noch bis 1 Uhr nachts weitergearbeitet. Und am Sonntag um 9 Uhr haben wir wieder weitergemacht. Am Ende konnte ich auf der Bühne stehen und den Sauerstofftank mit meinem Handy bedienen – über eine Entfernung von 15/20 Metern hinaus.

Die Entfernung ist für die Fernbedienung allerdings egal, da es über das W-LAN-Netzwerk läuft. Häufig steht der Sauerstofftank ja zentral im Haus / in der Wohnung, damit man sich relativ frei bewegen kann. Die Fernbedienung muss also auch durch Wände hindurch funktionieren. Bluetooth oder Infrarot fielen daher aus. Die Lösung war das W-LAN, das auch meist zentral im Haus platziert ist, um alle Räume zu erreichen.

Die Teile, die wir für die Erstellung unseres Prototypen brauchten, wurden übrigens vom HealthHack gestellt.

Ihr kanntet Euch vor dem HealthHack nicht alle. Wie ist es Euch gelungen, in so kurzer Zeit (24 Stunden) einen Prototypen zu entwickeln?

Nils und Reto, zwei Medizininformatiker aus Heidelberg, sind tatsächlich nur für den HealthHack aus Heidelberg angereist. Chris hat sich ums Projektmanager gekümmert: Er hat das große Ganze im Blick behalten und uns gesagt, was unsere Aufgaben sind. Und er hat mit Panzertape und Holz jedes kleine Problem der Halterung des Motors gelöst. Yannick, ein anderer Freund von mir, ist mein Informatik-Guru. Immer wenn ich ein Problem habe, rufe ich panisch bei ihm an. Er hat bei der App mitgeholfen. Und dann hatten wir noch einen Designer, Simon, dabei, der sich auch um die Halterung gekümmert und überall und nirgends mitgearbeitet hat. Und zu sechst haben wir das dann richtig gut gestemmt. Die Aufgaben haben sich eigentlich von selbst gefunden. Wir haben tatsächlich erst am Abend miteinander darüber gesprochen, was wir außerhalb dieses Projektes so machen.

Ihr habt mit Eurer Idee den ersten Platz beim HealthHack belegt und ein Preisgeld von 1.000 Euro belegt. Wie werdet Ihr das einsetzen?

Wir haben das Geld durch sechs geteilt. Meine Freunde Yannick, Chris und ich haben von dem Geld ein paar Motoren und Steuereinheiten gekauft, um an dem Prototypen weiterzuarbeiten. Aber alle sechs Beteiligten möchten mit dem Projekt weitermachen.

Was sind die nächsten Schritte?

Wir haben inzwischen ausgemessen, wie viel Kraft wir wirklich brauchen, um das Rädchen zu drehen. Dafür haben wir die passenden Motoren gekauft. Jetzt geht es darum, die ganzen Komponenten zu verkleinern. Jetzt ist die Maschine noch viel zu groß und zu schwer, in etwa so als würde man eine ganze Küche kaufen, um eine Fünf-Minuten-Terrine zuzubereiten. Die 500 Euro, die wir jetzt haben, werden dafür ausreichen, ein Gerät zu bauen, das man dann vorstellen kann – auch, um Partner oder Finanzierer zu gewinnen.

Der aufwendigste Schritt wird sein, das Gerät zertifizieren zu lassen, denn es ist ja ein medizinisches Produkt. Jeder, der medizinische Produkte kennt, weiß wie teuer diese sind. Das kommt durch die ganzen Zertifizierungen und Tests. Wir wissen den Weg, wir möchten zum Beispiel, dass auch eine Krankenkasse das übernimmt, aber das ist noch ein weiter Weg.

Im August 2020 fahre ich wieder auf Reha und dort möchte ich dem Arzt auf jeden Fall den Prototypen präsentieren. Denn er hatte vorher zu mir gesagt: „Connor, stell mir das nächstes Jahr vor und ich zücke meinen Scheck“.

Ich denke, einen Markt für unsere „Fernbedienung“ gibt es: Weltweit bekommen rund 500 Millionen Menschen Sauerstoff.

Wie waren denn die Reaktionen aus der CF-Community darauf?

Ich hatte das vorher schon auf der Reha ein paar CF-Freunden erzählt und die fanden das super Und die meisten Rückmeldungen, die ich bekommen haben, waren sehr positiv.

Und wenn ich jetzt fünf Jahre daran arbeite und damit hinterher 100 Menschen eine ruhige Nacht bescheren kann, dann war es das für mich wert. Wenn jemand nicht solche Panik hat, wie ich sie damals hatte, dann bin ich glücklich.

Gibt es noch etwas, das du gerne sagen würdest?

Ich bin fast froh, dass ich damals diese Attacke hatte, weil ich dadurch auf die Lösung gekommen bin. Außerdem bin ich meinem Team unglaublich dankbar. Ich wusste ja, wohin ich wollte, aber ich hatte die Fähigkeiten dafür nicht. Und meine fünf Mitstreiter haben das möglich gemacht. Wer immer das liest, sollte sich umschauen, ob es solche Veranstaltungen nicht auch in seiner Umgebung gibt, da es so viele Probleme gibt, bei denen man denkt, man sei alleine, aber dann kann man gemeinsam eine Lösung finden.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Glück bei der weiteren Entwicklung der Fernbedienung! Wir sind gespannt, in ein paar Monaten von Euch zu hören, wie es weitergegangen ist.

Das Interview führte Juliane Tiedt.


[1] Normal ist ein Wert zwischen 94 und 98 Prozent.

[2] Normal ist ein Wert zwischen 60 und 80.

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