Wir sind eine Familie

Michael hat CF und ist 2022 Vater eines Sohnes geworden. Mit Mukoviszidose ist das nicht selbstverständlich, da ein Großteil der Männer mit CF unfruchtbar ist. Daher ist es meist nur mit einer Kinderwunschbehandlung möglich, Vater zu werden. In diesem Blogbeitrag berichten Michael und seine Frau Anne über ihren Weg zum Kind.

Collage: Anne und Michael, Aufnahme einer Zelle, positiver Schwangerschaftstest.
Anne und Michael auf ihrem Weg zum Wunschkind

Was ist eine Familie?

Was ist eine Familie? Eine Definition und eine allgemeine Assoziation sind hier schnell gefunden: Mutter, Vater Kind(er). Für viele ist die Gründung einer so beschriebenen Familie der Höhe- und Mittelpunkt ihres Lebens. In einer Beziehung und erst recht in einer Ehe hat man Kind(er) zu wollen und sollte man auch welche bekommen. Schließlich ist man auf den ersten Blick jung und gesund. Die Planung und letztlich die Gründung der eigenen Familie ist für viele ganz selbstverständlich. Ganz gleich, wie ein Paar zu diesem Thema steht, scheint es normal, Fragen zu bekommen wie: „Na wann kommt bei euch das erste Kind? Kaum jemand stört sich an einer so intimen Frage, die eigentlich erst dann auf den Tisch kommen sollte, wenn Personen auch darüber sprechen möchten. Denn die „Kinderfrage“ schafft nicht selten ein Gefühl von Traurigkeit und löst Erwartungsdruck aus. Sie sorgt für Angst vor dem Versagen oder ist einfach nur unpassend. Besonders dann, wenn bekannt ist, dass ein oder beide Partner keine Kinder bekommen können oder möchten. Viele haben diese Optionen nicht im Blick oder empfinden es schlicht als nicht legitim oder nicht normal, keinen Kinderwunsch zu haben oder keine Kinder zu bekommen. Jedoch sollte sich hier niemand rechtfertigen müssen. Das Thema der Familiengründung ist so allgegenwärtig und doch so persönlich, dass der Spagat den Freunden, Angehörigen und auch einem selbst oft kaum gelingt.

Zu zweit ein gutes Team

Dieser Drahtseilakt der Gefühle kam bei uns erst nach vielen Jahren auf. Wir, also meine Frau Anne und ich, haben den Begriff der Familie für uns schon immer etwas weiter gefasst. Als wir nach drei Jahren zusammenzogen, waren wir und unsere zwei Katzen eine Familie, Punkt. Viele Jahre haben wir gemeinsam ein Leben aufgebaut, in dem jeder für sich wachsen konnte. Urlaube und unzählige Abenteuer in der näheren Natur machten jeden Moment gemeinsam vollkommen. Wir für uns waren vollkommen. Mit Stolz konnten wir auf die Meilensteine schauen, die wir als Team erreicht hatten, ganz gleich ob die eigenen vier Wände oder die berufliche Verwirklichung meiner Frau. Unser Leben hatte keine Lücke, die es auszufüllen galt. Und so hatten wir lange auch nicht den Wunsch ein Kind zu bekommen und das war auch ok so.

Nicht ok war es, als die eigene Familie erst sehr subtil aber dann immer drängender und fordernder auf das Thema der „Familiengründung“ zu sprechen kam. Immer und immer wieder. Anne nahm schon seit Jahren keine Pille mehr. Uns war unterschwellig bewusst, dass wir keine Kinder aufgrund meiner CF bekommen können, auch wenn es für die physischen Voraussetzungen (noch) keine Bestätigung gab. Für uns spielten diese aber auch (noch) keine Rolle. Das Verhalten der Angehörigen sorgte entgegen der Erwartungen sogar dafür, dass das „Kinderwunschthema“ für uns immer weiter wegrückte.

Trotzdem ertappte man sich dabei, dass man selbst der klügste Erziehungsexperte war, wenn man andere Eltern beobachtete, man freute sich, wenn Kinder spielten oder war gerührt, wenn man ein anderes Baby auf dem Arm halten konnte.

Der Anteil der Eltern im eigenen Freundeskreis steigt ab einem gewissen Zeitraum drastisch an, das ist kein Geheimnis.

Man freut sich natürlich und ohne es bewusst zu tun, spielt man in Gedanken gelegentlich durch, wie es wäre eigene Kinder zu haben. An diesem Punkt kann man sich entweder glücklich zurücklehnen und sich wünschen, dass alles bleibt wie es ist oder man merkt, dass man vielleicht doch einen Kinderwunsch hat.

Wachsender Kinderwunsch

Ist dieser Wunsch erst einmal etabliert und im Herzen angekommen, werden die Bilder im Kopf, die Vorstellungen und konkreten Pläne vor einem immer deutlicher. So war es auch bei uns. Was uns ab sofort über die gesamte Zeit, seit dieser schleichenden Wende getragen hat, sind folgende Grundsätze, die wir wirklich fühlten: „Wir sind glücklich, alles, was wir bekommen, ist ein Bonus. Egal wie es für uns ausgeht, es ist ok. Am Ende kann man nur bereuen, was man nicht versucht hat.“ Und so wurde zögerlich der erste Termin in einer Fertilitätsklinik gemacht. Hier kam die wenig überraschende Tatsache, dass bei mir keine Spermien im Ejakulat nachgewiesen werden konnten. Der weitere gemeinsame Weg wurde im selben Atemzug besprochen. Aus diversen Gründen lehnten wir die Behandlung jedoch in dieser Klinik zu diesem Zeitpunkt für uns ab.

  • Man drängte uns zu einer Samenspende, sollte die Behandlung nicht fruchten. Obwohl wir uns vor Ort klar dagegen positionierten.
  • Das Operationsverfahren (TESE= testikuläre Spermienextraktion) war wenig gewebeschonend und unter Vollnarkose.
  • Die gesamte Kommunikation und Koordination verlief über verschiedene Kliniken und sollte führend durch uns geleitet werden.
  • Das Bauchgefühl stimmte einfach nicht.

Ein weiteres Jahr ging erneut ins Land, in dem wir das gesamte Thema vollständig fallen ließen.

Die richtige Klinik gefunden

Erst 2021 las ich zum ersten Mal von einer privaten Klinik, die unter anderem eine schonende Variante der TESE unter lokaler Betäubung anbot. Durch eine Online-Beratung wurden wir zum ersten Mal so persönlich abgeholt, wie wir es so noch nicht zuvor erlebt haben. Zum ersten Mal haben wir den Kinderwunsch mit einer angespannten Vorfreude verbunden. Unser behandelnder Arzt hat nichts verharmlost oder beschönigt, aber uns verstanden und uns unter den medizinischen Gegebenheiten Mut gemacht.

Trotz dessen, blieb eine unbeschreibliche Angst vor dem Ungewissen, dem Kontrollverlust und Angst davor, dass keine Spermien gefunden werden. Ich hatte Bilder und Vorstellungen von der OP im Kopf, fühlte sogar schon die möglicherweise aufkommenden Schmerzen. Und neben diesen Aspekten, Hand aufs Herz: wie oft lässt man sich von so vielen fremden Menschen auf seinen Intimbereich schauen…

Die Entscheidung für die Behandlung

Die Entscheidung, diesen unvermeidbaren Weg zu gehen, hab ich sehr lange vor mir her geschoben. Am Ende haben sich diese Ängste nicht bestätigt und durch das gewählte OP-Verfahren, hielten sich die Schmerzen in Grenzen. Bereits nach einer Woche, hatte ich keine nennenswerten Beschwerden mehr.

Die langen Fahrten von jeweils 400 Kilometern waren für uns jedes Mal wie kleine Abenteuer, die wir mit schönen Ausflügen verknüpften (wie auf dem Bild von uns in Hameln).

Die erste Fahrt in die Klinik, war auch gleich die zur einseitigen TESE. Die Gewebeproben aus dem Hoden wurden direkt histologisch untersucht, so wurde nur so viel Gewebe wie nötig entnommen und der Schnitt wurde klein gehalten. Schon auf dem OP-Tisch erhielt ich das genaue Ergebnis. In diesem Moment fiel eine riesen Last von meinen Schultern. Für die Gewissheit hat sich am Ende alles gelohnt. Unsere Hoffnung stützte sich von jetzt an auf eine ganz realistische Chance.

Unser Resümee: Man muss sich bei einem so intimen Eingriff immer gut aufgehoben fühlen. Die Wahl der Klinik sollte also nicht auf die erste und dichteste fallen, sondern auf die, bei der Du / Ihr das beste Gefühl habt.

Die Kinderwunschbehandlung

Meine Frau und ich begonnen die Hormontherapie, die das Ziel hatte mehr Eizellen als für gewöhnlich heranwachsen zu lassen, um sie dann in der Klinik für die ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion) entnehmen lassen zu können. Natürlich bekam nur meine Frau die Hormone, die sie von mir gespritzt bekommen hat. So war es einfacher und wir konnten in dem gesamten Prozess als Team fungieren. Auf diese Weise haben wir nie den Spaß an der großen Herausforderung verloren. Das war uns besonders wichtig, wir wollten an diesem Weg nicht zerbrechen. Denn die Erwartungen an jeden von uns waren physisch und psychisch sehr hoch.

Schon zwei Tage nach der Eizellentnahme haben wir erfahren, dass sich ein Embryo entwickelt hat. Das Foto der vier Zellen, ist das erste von unserem Sohn. Es war kaum zu begreifen.

An diesem Tag wuchs unsere Familie, es war der Tag an dem wir unseren kleinen Embryo in der Klinik abholten. Er wurde mit einem Katheter eingesetzt und hat die Chance bekommen sich einzunisten, was er glücklicherweise auch getan hat.

Heute ist unser Sohn ein fester Bestandteil in unserem Alltag und unser größter Schatz neben den Katzen. Unser Leben ist durch ihn nicht besser oder schlechter geworden, nur anders. Und wir genießen dieses Abenteuer jede Sekunde, wie bereits die Abenteuer davor mit ganzem Herzen.

Wir denken an alle, die sich ebenfalls auf diese Reise begeben. Und wünschen Ihnen viel Glück, jenes Glück das füreinander empfunden wird, egal ob ein gestecktes Ziel erreicht wird. Bereits die Tatsache zu lieben, ist das Wertvollste, was es gibt.

Anne und Michael

Mehr zum Thema Kinderwunsch bei CF findet Ihr auf unserer Website:

Zur Website

Zum Thema Schwangerschaft und Mukoviszidose gibt es eine neue Broschüre, die über Kinderwunsch bis zur Stillzeit informiert.

Zur Broschüre (PDF)

Weitere Erfahrungsberichte zum Thema Eltern mit Mukoviszidose

Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.