Herr Franke, was macht die Romanvorlage zu einer guten Grundlage für diese Umsetzung in Form einer Oper?
Bernd Franke (Komponist): In der Romanvorlage geht es generell um das Leben, seine Würde, den Respekt davor, um drei Leben in unterschiedlichen Zeiten, die durch das Wasser und den Atem miteinander verbunden werden. Diese Unterschiedlichkeiten, verschiedene Zeiten und Orte, waren für mich besonders reizvoll und herausfordernd, aber auch die Gemeinsamkeiten der drei Welten.
Die Mukoviszidose ist nicht nur Teil der Handlung, sondern auch Teil des thematischen Kerns, der die drei Handlungsstränge verbindet. Wie ist es Ihnen gelungen, die Erkrankung innerhalb des Werkes möglichst realistisch zu beschreiben?
Bernd Franke: Die Librettistin meiner Oper Jessica Walker unterrichtet in London auch an der Royal Academy und hatte dort Kontakt mit einer Gesangsstudentin, die an Mukoviszidose erkrankt ist. Sie hatten längere Gespräche über ihre Krankheit und diese Erfahrungen flossen auch in die Arbeit am Libretto ein, sensibilisierten uns für diese Krankheit. Wir waren damals in direktem Kontakt mit ihr und sie reiste am 14. März erfreulicherweise auch direkt aus London zur Premiere an, war sehr begeistert von der Umsetzung. Diese Gesangsstudentin nimmt spezielle Medikamente und kann dadurch sogar singen und ihren Beruf als Sängerin ausüben.
Frau Kupšytė, wie stellen Sie sicher, dass Mukoviszidose in Ihrer Darbietung authentisch dargestellt wird?
Gabrielė Kupšytė (Darstellerin Anouk): Die Auseinandersetzung mit einer Figur wie Anouk, die an Mukoviszidose erkrankt ist, ist für mich eine besonders intensive und verantwortungsvolle Aufgabe. Es geht nicht nur darum, eine Rolle zu verkörpern, sondern auch darum, eine Lebensrealität sichtbar zu machen, die für viele Menschen Alltag ist. Dabei versuche ich, mich der Figur mit großer Sensibilität und Respekt zu nähern.
Frau Hahn, welchen Einfluss hat die Erkrankung auf die Inszenierung der Figur Anouk? Spiegelt sie sich z.B. im Bühnenbild oder in der Kostümierung wider?
Marlene Hahn (Produktionsdramaturgin): Anouks Welt ist seit ein paar Jahren die des Krankenhauses. Sie ist mit den Ärzten, den Pflegerinnen und Pflegern so vertraut, es ist ihre Lebenswirklichkeit geworden. Daher entschieden wir uns als Regieteam, dass wir die anderen Welten – die Welt von Paris um 1900 und die Welt des norwegischen Spielemachers in den 1950er Jahren – in diese Welt „reinkippen“, reinfließen lassen wollten.
Das Zentrum ist die Welt des Krankenhauses, in dem Fall von Anouk von Ausweglosigkeit bis hin zur größten Hoffnung durch eine neue Lunge. Die Welt der Anouk ist daher die dominante im Bühnenbildraum und in den Farben grün gehalten, wie die OP-Kittel, sie ist steril. Im Kontrast hierzu trägt Anouk die Farbe Rot, die für Leben, Inneres, Leidenschaft und Aufbruch steht.
Während der OP-Szene, in der Anouk ihren narkotisierten Körper zurücklässt, streift sie einen roten Umhang von sich. Sie ist in einer Zwischenwelt und sieht plötzlich eine Geschichte, die ihre neue Hoffnung gibt, weiter zu atmen. Sie möchte als Journalistin den Schicksalen der anderen beiden Leben nachspüren, sie zum Leben erwecken, sie sichtbar machen.
Herr Franke, wie fällt die musikalische Darstellung von Anouk im Vergleich zu den anderen Hauptfiguren aus? Werden dabei bestimmte Motive oder Klangfarben ausgewählt, um die Mukoviszidose darzustellen?
Bernd Franke: Ich konnte und wollte diese Krankheit nicht naturalistisch mit Tönen, Klängen oder Rhythmen darstellen, das wäre banal, naiv und illustrativ gewesen. Man transformiert Dinge in Atmosphären, Stimmungen, Ängsten, Seelenzuständen. Es gibt in meiner Oper aber tatsächlich ein Schnapp-Atmungsmotiv der Streicher, wo man das Gefühl bekommt, dass um Luft gerungen wird. Der Puls und der Herzschlag spielen auch wichtige Rollen, das hört man direkt und offen. Die Grundstimmung von Anouk vor der Operation ist ängstlich, neurotisch, freaky, ziemlich hoffnungslos. Auch das wird musikalisch durch eine spezielle Welt dargestellt.
Frau Kupšytė, Sie verkörpern in der Oper die an CF erkrankte Anouk. Wie ist es für sie, eine Figur mit chronischer Erkrankung zu spielen? Unterscheidet sich die Vorbereitung auf diese Rolle von anderen Rollen?
Gabrielė Kupšytė: In der Vorbereitung habe ich mich stärker als bei anderen Rollen mit der körperlichen Dimension beschäftigt - vor allem mit dem Atem. Da Atmen für Anouk ein ständiger Kampf ist, ist die musikalische Gestaltung, die Phrasierung und auch die körperliche Präsenz auf der Bühne unmittelbar beeinflusst. Gleichzeitig wollte ich vermeiden, die Krankheit zu „spielen“ im Sinne von äußerlichen Effekten, sondern vielmehr zu zeigen, wie sehr sie das innere Erleben der Figur prägt.
Das diese Rolle besonders macht, ist die Verbindung von Fragilität und innerer Stärke. Anouk ist nicht nur durch ihre Krankheit definiert, sondern auch durch ihre Vorstellungskraft, ihre Neugier und ihren Lebenswillen. Diese Vielschichtigkeit herauszuarbeiten, unterscheidet die Vorbereitung tatsächlich von vielen anderen Rollen – sie verlangt eine tiefere persönliche Auseinandersetzung und ein bewusstes Zurücknehmen zugunsten von Echtheit.
Das Interview führte Jakob Kratzer.