Reihe 13 – eine Kurzgeschichte zum Umgang mit der Mukoviszidose

11.03.2026
Im Leben mit Mukoviszidose kann es sein, dass man Abschied nehmen muss, von Menschen, von der Arbeit, von Hobbys. Dieses Abschiednehmen verarbeitet Marion, die mit Mukoviszidose lebt, in dieser Kurzgeschichte, die wir mit ihrer freundlichen Genehmigung hier auf unserem Blog veröffentlichen dürfen.

Die Abenddämmerung hat bereits eingesetzt. Der Wind weht mir kalt in den Nacken. Es ist November. Totensonntag. Mein Mann und ich stehen in der Warteschlange, die sich nur langsam in Richtung Kircheneingang vorwärtsbewegt, umgeben von munterem Stimmengewirr der anderen Konzertbesucher. Ich überlege, wie ich möglichst ungesehen durch den Eingang schlüpfen kann und bin froh, dass mein Mann das Vorzeigen unserer Karten übernehmen wird. Ich ziehe die Kapuze meiner Winterjacke über den Kopf, hake mich bei ihm unter und hefte meinen Blick fest auf den Boden. Eigentlich müsste ich woanders stehen. Bei der Einsingprobe. Zwischen meinen Chorkolleginnen in der ersten Sopran-Reihe. Da ist mein Platz – seit vielen Jahren meines Lebens als Chorsängerin. Eingebettet in einen vierstimmigen Chorklang, in die Anspannung aufgeregter Vorfreude, die vor jedem Konzert neu und einzigartig ist. Aber ich stehe hier draußen im abnehmenden Licht des Tages und warte auf das bevorstehende Konzert. Ein deutsches Requiem op. 45 von Johannes Brahms. Im Kopf habe ich jeden Ton, jedes Wort dieses opulenten Werkes – im Herzen eine Traurigkeit, die sich nach dem Trost sehnt, der im Stück Nr. 5 dieses Requiems besungen wird.

Endlich erreichen wir den Eingang und während mein Mann unter Vorlage der Karten ein paar Sätze mit dem uns gut bekannten Einlasspersonal wechselt, gehe ich schnell durch die Seitentür und bin froh, in keine fragenden Gesichter habe blicken müssen.
Wir begeben uns zu unseren Plätzen, die sich in Reihe 13 im rechten Kirchenschiff, fast direkt am Seitengang, befinden. Wenn schon nicht von ganz vorne, dann doch bitte die akustisch besten Plätze. Heimvorteil.

Der Altarraum, in dem die Podeste für den Chor aufgebaut sind, illuminiert in atmosphärischem Licht. Das große Orchester hat seinen Platz wie gewohnt zwischen den Podesten und dem Dirigenten-Pult. Die Musiker des Orchesters prüfen ihre Instrumente auf Herz und Nieren und ihre Stimm-Übungen schwingen durch das Kirchenschiff. Laut, durcheinander, ohne erkennbare Ordnung. Ich höre ihnen zu und lasse mich tragen von den Klängen, die wie eine Suche nach dem richtigen Ton, nach einem Zurechtfinden im großen Ganzen anmutet.

Hoffnung und Trauer, Leben und Tod – Requiem. Und doch Leben. Spannungsfelder, die Brahms in seinem Requiem vertont hat: Leidtragende, die getröstet werden sollen; Vergänglichkeit; Endlichkeit, gepaart mit der Erkenntnis, dass hier auf dieser Erde keine bleibende Statt ist, sondern eine Zukünftige wartet - in den lieblichen Wohnungen Gottes in der Ewigkeit; Traurigkeit und dem zugleich zugesagten, unendlichen Trost; Seligkeit, in dem Herrn zu sterben – und zu leben.

Stimmiger hätte dieses musikalische Werk nicht sein können in meiner derzeitigen Lebenssituation. Ich hatte es schließlich immer gewusst: eines Tages würde meine Lunge aufhören zu singen, weil sie es nicht mehr schafft. Weil ihr die Puste ausgehen und mir damit meine größte und lebenslange Leidenschaft nehmen würde. „Eines Tages“ war dann wohl „Jetzt“. Was das angeht, habe ich kein Mitspracherecht für „eines Tages“. So ist das Leben mit Mukoviszidose. Irgendwann – früher oder später – beginnen die Abschiede von Aktivitäten, Hobbies, Möglichkeiten. Vergänglichkeit.

Dieser Abschied ist nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte sein, aber er ist wohl einer mit der Schmerzhaftesten. Wieder ein kleiner Tod. Endgültigkeit. Tod als Begleit-Thema. Und heute ein Requiem. Würde ich das durchhalten? Die Hand meines Mannes, der neben mir sitzt, drückt sanft meinen Arm. Er kennt mich so gut. Ich lege meine linke Hand auf seine, drücke zurück. „Danke“, flüstere ich ihm zu.

Das Orchester fädelt seine Stimm-Übungen in ruhigere Töne ein und auch das Stimmengemurmel der Besucher in den mittlerweile gefüllten Bankreihen ebbt ab. Auf den freien Platz links neben mir setzt sich noch schnell eine liebe Bekannte und wir begrüßen uns mit einer Umarmung.

Dabei fällt mein Blick auf den Seitengang und ich erblicke meine Chorkolleg*innen, die hier soeben Aufstellung nehmen. Sie erkennen mich und grüßen herzlich – mit ihren Augen. Kusshände fliegen uns gegenseitig zu. Sie alle wissen um meine Situation. Dann geht es los! Sie setzen sich in Bewegung nach vorne zur Bühne. Ich spüre ihre Aufregung und rufe ihnen flüsternd die besten Wünsche und unendliche Freude für dieses Konzert zu. Meine Sopran-Kolleginnen drücken mir nacheinander die Schulter, nehmen meine Hand, halten sie fest, so lange sie können. Dann sind alle Chorsängerkolleg*innen vorübergezogen, nehmen ihre Aufstellung nach festgelegten Plätzen auf den Podesten im Altarraum.

Ich sitze in Reihe 13. Mein Platz ist hier. Zum Zuhören. Heute – und vermutlich auch Morgen. Aber gefühlt stehe ich vorne im Chor mit ihnen. In ihren Herzen haben sie mich mitgenommen. Zum Mitsingen. Zum Dabeisein. Tief gerührt fließen meine Tränen und nehmen etwas von meiner Traurigkeit mit in den Tränensee, während sich die Tür für Dankbarkeit einen kleinen Spalt weiter öffnet.

Der Kantor und Dirigent betreten mit zwei Solisten die Bühne. Ich lehne mich zurück – und lausche. Der erste Ton dieses auf Hoffnung ausgerichteten Requiems vereint sich mit dem von Gott gegebenen Segen und Frieden, der mein Herz in diesem Moment durchströmt: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“

Marion
 

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Zuletzt aktualisiert: 10.03.2026