Was passiert eigentlich mit den Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, wenn genau dort gespart wird? Wie real diese Sorge ist, kann man ja an den bereits beschlossenen Gesundheitsreformen erkennen.
Es geht darin überwiegend um Einsparpotenziale, wie, was und ob überhaupt noch etwas finanziert werden kann und auch um die Frage, wie die Zukunft der gesetzlichen Krankenkassen aussehen soll. Und natürlich sind das wichtige Themen.
Aber was bedeuten sie eigentlich für chronisch kranke, behinderte oder psychisch kranke Menschen, die dauerhaft auf medizinische Versorgung und Therapieplätze angewiesen sind? Denn die Krankheiten verschwinden ja nicht einfach. Aber die Hilfe für die Menschen, die mit ihnen leben, könnte es.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschäftigt mich diese Vorstellung. Und ich frage mich, ob die Menschen, die über Kürzungen im Gesundheitswesen entschieden haben, wirklich wissen, was ein Leben mit einer chronischen Erkrankung bedeutet.
Ich lebe mit Mukoviszidose, Diabetes Typ 3c und einer Hochtonschwerhörigkeit. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig eine gute medizinische Versorgung ist. Therapien, spezialisierte Ärzt*innen und ein starkes Versorgungssystem bedeuten für viele von uns Lebensqualität, Lebenszeit und manchmal das pure Überleben.
Wenn Therapieplätze wegfallen oder Wartezeiten immer länger werden, gibt es nicht plötzlich weniger kranke Menschen. Es gibt nur mehr Menschen, die alleine mit ihren Sorgen, Schmerzen und Ängsten zurückbleiben. Und genau das darf niemals zur Normalität werden.
Krankheiten halten sich auch nicht an Haushaltspläne und warten darauf, dass wieder mehr Geld zur Verfügung steht. Wenn also bei der Gesundheit gespart wird, verschwinden die Krankheiten nicht. Mukoviszidose macht keine Pause. Diabetes wartet nicht. Und auch psychische Erkrankungen lassen sich nicht auf später verschieben.
Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit, auch wenn viele das glauben. Und eine verlässliche Versorgung darf auf keinen Fall eine Frage des Geldes sein. Gesund zu sein ist ein Privileg. Gut versorgt zu werden, wenn man krank ist, sollte ein Grundrecht bleiben. Die Versorgung ist die Grundlage dafür, dass Menschen auch mit chronischen Erkrankungen leben, arbeiten, lernen, Pläne schmieden und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Ich wünsche mir Reformen, die Versorgung verbessern, Bürokratie abbauen und gleichzeitig die Lebensrealität chronisch kranker Menschen berücksichtigen. Wer dauerhaft mit einer chronischen Erkrankung lebt, braucht ein Gesundheitssystem, das Sicherheit gibt und nicht zusätzliche Hürden schafft.
Denn chronisch krank zu sein, ist bereits Herausforderung genug.
Simona Köhler (CF, 59 Jahre alt)
Die im Blogbeitrag angesprochenen Reformvorschläge werden derzeit politisch diskutiert. Welche Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden, ist noch offen. Der Bundesverband Mukoviszidose e.V. begleitet diese Entwicklungen aufmerksam und setzt sich gegenüber Politik und weiteren Akteuren dafür ein, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Mukoviszidose in Reformprozessen berücksichtigt werden. Unser Ziel ist eine verlässliche, bedarfsgerechte Versorgung und der Abbau unnötiger Hürden im Alltag. Konkret setzen wir uns beispielsweise dafür ein, dass ein mögliches Primärarztsystem den direkten Zugang zu spezialisierten Mukoviszidose-Ambulanzen nicht einschränkt.

Simona Köhler, Jahrgang 1967, eine lebenserfahrene Mukoviszidose-Betroffene, lebt mit ihrem Mann in Pinneberg. Sie wurde u.a. zur Tanzpädagogin ausgebildet und unterrichtete viele Jahre Tanz. Nach dem Verwaltungsstudium arbeitet sie heute in der Hamburger Kulturbehörde als Referentin für Kinder- und Jugendkulturprojekte. Seit ihrem 18. Lebensjahr engagiert sie sich ehrenamtlich für Menschen mit Mukoviszidose.
Wie das Tanzen ist auch das Schreiben für sie eine Möglichkeit, unklaren Gefühlen zu begegnen oder den Kopf wieder frei zu bekommen. Mit ihren Texten möchte sie ihre Erfahrungen im Umgang mit Mukoviszidose weitergeben. Zunehmend setzt sie sich in ihren Texten kritisch mit „Ableismus“ auseinander, um für dieses Thema zu sensibilisieren.
Auf Instagram findet Ihr Simona unter @simonatanzt.