Über Jahrhunderte galt in der medizinischen Forschung der Mann als Referenzstandard. Frauen wurden häufig nur dann berücksichtigt, wenn es um explizit „frauenspezifische“ Erkrankungen ging. Dabei unterscheiden sich Männer und Frauen in vielerlei Hinsicht – biologisch wie sozial. Der hormonelle Zyklus von Frauen führt zu monatlichen Schwankungen, die Krankheitsverläufe und Symptome beeinflussen können. Doch nicht nur das biologische Geschlecht spielt eine Rolle. Auch geschlechtsspezifische Lebensrealitäten wirken sich aus: Frauen treiben oft anders Sport, ernähren sich anders, übernehmen andere familiäre Rollen und arbeiten in anderen Berufsfeldern als Männer.
Die deutsche Bezeichnung „Geschlecht“ wird im Englischen unterschieden in „Sex“ (biologisches Geschlecht) und „Gender“ (soziale Geschlechterrolle, Geschlechtsidentität). Das biologische Geschlecht umfasst hormonelle, anatomische und stoffwechselbedingte Unterschiede. Gender hingegen beschreibt soziale Prägungen, Verhaltensweisen und gesellschaftliche Erwartungen.
Genetisch betrachtet betrifft Mukoviszidose (Cystische Fibrose, CF) Frauen und Männer gleichermaßen. Doch klinisch zeigt sich seit Jahrzehnten ein sogenannter „Gender Gap“ – mit teilweise gravierenden Unterschieden im Krankheitsverlauf und in der Prognose. Frauen mit CF haben beispielsweise im Durchschnitt eine geringere Lebenserwartung, ihre Lunge wird früher chronisch mit Pseudomonaden besiedelt, sie haben häufiger Lungen-Exazerbationen und häufiger einen CF-bedingten Diabetes. Das zeigt sich auch in den Daten des Deutschen Mukoviszidose Registers 2024: im Alter von 18-29 Jahren gibt es noch mehr Frauen mit CF, doch ab dem 30. Lebensjahr kehrt sich dieses Verhältnis um.
Während des Menstruationszyklus berichten viele Frauen mit CF über spürbare Schwankungen ihrer Symptome. Manche erleben beispielsweise, dass Verdauungsenzyme während der Periode weniger wirksam erscheinen. Auch in der Pubertät und in den Wechseljahren zeigen sich Veränderungen im Krankheitsverlauf.
Zum Einfluss der Wechseljahre auf CF liegen bislang nur begrenzte Daten vor, da dieses Thema erst seit relativ kurzer Zeit relevant ist. Erste Beobachtungen deuten jedoch darauf hin, dass hormonelle Veränderungen auch hier Symptome beeinflussen können. Umgekehrt kann CF selbst die Pubertät verzögern und die Regelmäßigkeit des Zyklus beeinträchtigen.
Es liegt daher nahe, hormonelle Einflüsse als Mitursache für geschlechtsspezifische Unterschiede im CF-Verlauf zu betrachten. Ein zentraler Faktor ist das Hormon Östrogen. Es beeinflusst unter anderem die mukoziliäre Clearance – also die Selbstreinigung der Lunge –, kann das Wachstum bestimmter Bakterien begünstigen und wirkt sich auf Immunreaktionen sowie Entzündungsprozesse aus.
Aber es gibt auch geschlechtsspezifische Verhaltensweisen, die den Verlauf der Mukoviszidose beeinflussen können. Sie sind nicht starr einzelnen Personen zugeschrieben, sondern eher als Verhaltensweisen zu verstehen, die statistisch häufigere Muster beschreiben. Beispielsweise unterscheidet sich das Körperbild häufig zwischen Frauen und Männern. Frauen akzeptieren Untergewicht eher oder fördern es sogar aktiv – etwa aus Sorge vor Gewichtszunahme als Nebenwirkung bestimmter Therapien. Das kann sich auf Ernährung, Enzymeinnahme und Medikamentenadhärenz auswirken.
Zudem treten bei Frauen mit CF häufiger Angststörungen und Depressionen auf, sie sind in anderen sozialen Rollen und Verantwortlichkeiten, wodurch sie andere Formen von Stress erleben als Männer.
Durch die Modulatortherapien hat sich der Verlauf der CF und seine Prognose stark verbessert. Es ist aber noch nicht abschließend erforscht, inwiefern es geschlechtsspezifische Wirksamkeitsunterschiede gibt. Erste Beobachtungen deuten darauf hin, dass sich die Wirksamkeit bei Männern und Frauen unterscheiden könnte. Wie die Hormone die Verteilung und den Abbau der Medikamente im Körper beeinflussen und ob die Dosierungen optimal für beide Geschlechter sind, muss noch untersucht werden. Ein Lichtblick ist, dass die geschlechtersensible Medizin heutzutage ernst genommen wird und hoffentlich bald zu einer präziseren und individualisierten Versorgung führt.
Mukoviszidose und Gender: Warum der Weltfrauentag auch ein medizinisches Thema ist
Mein Weg in die Selbsthilfe – von der eigenen Herausforderung zum gemeinsamen Engagement
Das Leben in vollen Zügen genießen – Erinnerungen an Caroline
"Mir ist es wichtig, seltene Krankheiten wie Mukoviszidose sichtbar zu machen"