End of Summer?

Foto PerslowDer Tierarzt und Songwriter Holger Meyer Perslow hat ein Lied für seinen mukoviszidosekranken Sohn geschrieben. Mit muko.blog sprach er über Musik, Verantwortung sowie die Bedeutung des Perspektivenwechsels.

muko.blog: Herr Meyer-Perslow, Sie sind Tierarzt und Musiker. War Musik schon immer ein starkes Thema in Ihrem Leben?

Meyer-Perslow: Ja, die Begeisterung für Musik begleitet mich von Kindheit an. Damals lief ich oft singend durch den Tag. Mit Ende 30 habe ich dann angefangen, eigene Liedtexte zu schreiben. Da ich keine musikalische Ausbildung habe, geschah dies rein intuitiv abends auf dem Sofa. Ich habe einfach meine jahrzehntelangen Erfahrungen als leidenschaftlicher Musikhörer in die Texte einfließen lassen. Die Lieder habe ich dann per Sprachmemo ohne Akkorde aufs Smartphone eingesungen. Später habe ich dann begonnen, Gesangstunden zu nehmen. Über die Musikschule meines Gesanglehrers bekam ich schließlich die Möglichkeit, komponieren zu lernen. Seitdem besuche ich zweimal im Jahr Songwriting-Workshops.

muko.blog: Sie haben im vergangenen Jahr Ihre erste EP „midlife what?“ veröffentlicht. Klingt trotzig positiv. Möchten Sie mit Ihren Liedern Zuversicht vermitteln?

Meyer-Perslow: Als ich mit Anfang 40 begann, Lieder zu schreiben, haben viele aus meinem Bekanntenkreis dies belächelt. „Durchlebst du gerade deine persönliche Midlife-Krise?“, war eine häufige Bemerkung. Der Drang, Musik zu machen, ist jedoch etwas, das immer in mir geschlummert hat. Dass ich jetzt die Gelegenheit ergriffen habe, diese Leidenschaft auch auszuleben, empfinde ich daher nicht als Sinnkrise, sondern als Befreiung. Und natürlich möchte ich damit auch die Zuversicht vermitteln, immer wieder neue Dinge zu wagen, egal wie alt man ist. Daher der Titel „Midlife what?“

muko.blog: Die Musik klingt wie 70er Jahre Soul. Soul ist eine Musik, die das Innere nach außen kehrt. Verarbeiten sie in Ihren Liedern auch die Dinge, die sie bewegen?

Meyer-Perslow: Die ursprüngliche Idee war, ein Album mit 12 Songs zu schreiben. Aus zeitlichen Gründen sind es aber dann nur vier Lieder geworden. Diese Lieder sind emotional und autobiographisch am stärksten geprägt. Die Zeile „45 reasons to go crazy at the monkeys“ im Lied 45 reasons nimmt beispielsweise Bezug auf eine Feier zu meinem 45. Geburtstag in einem Club namens Monkeys – ein durchaus bewegender Abend.

muko.blog: Auf „midlife what?!“ haben Sie den Titel „End of Summer“ Ihrem an Mukoviszidose erkrankten Sohn gewidmet. Worum geht es in dem Lied?

Meyer-Perslow: Die Inhalte des Lieds gehen auf den sehr emotionalen Moment vor fünf Jahren zurück, als mein damals zehn Jahre alter Sohn von sich aus realisiert hat, dass ihn die Mukoviszidose ein Leben lang begleiten wird. Meine Frau und ich hatten uns vor diesem Moment immer gefürchtet. Als er aber dann eingetreten war, haben wir uns mit ihm zusammengesetzt und lange darüber gesprochen. Gott sei Dank, war mein Sohn danach in der Lage, die Situation zu akzeptieren. Am selben Abend habe ich mich dann aufs Sofa gesetzt und mir den Liedtext von der Seele geschrieben. Das war wie eine Befreiung für mich. Die Entscheidung, „End of Summer“ zu veröffentlichen, fiel erst Jahre später, während eines gemeinsamen Reha-Aufenthalts auf Amrum.

muko.blog: Sie haben im vergangenen Jahr eine Live-Version von „end of summer“ im iTunes store zum Verkauf angeboten und den Erlös des Monats Dezember dem Mukoviszidose e.V. zukommen lassen. Sehen Sie sich in Ihrer Rolle als Künstler als Vorbild?

Meyer-Perslow: Ich habe „End of Summer“ auch für Menschen geschrieben, die nicht wissen, ob morgen für sie noch die Sonne scheint. Das gilt nicht nur für chronisch Kranke. Als wir das Live-Video zu „End of Summer“ aufgenommen haben, war gerade die Stimmung gegen Flüchtlinge in Deutschland gekippt. Also habe ich bei der Ansage des Liedes darauf aufmerksam gemacht, dass wir eine Verantwortung haben gegenüber diesen traumatisierten Menschen, der wir uns nicht entziehen dürfen. Das Lied habe ich dann all den Leuten gewidmet, die heimatlos sind und nicht wissen, wie es in ihrem Leben weitergeht. Ich hoffe, dass hat Einige nachdenklich gestimmt.

muko.blog: Wir haben auf unserem muko.blog das Thema „Haustiere und Mukoviszidose“ mit einer Beitragsserie bedacht. Wie stehen Sie als Tierarzt diesem Thema gegenüber?

Meyer-Perslow: Unser ältester Sohn ist, trotz Mukoviszidose und Asthma, fast sein ganzes Leben lang mit Hunden aufgewachsen. Die Ärzte in unserer CF-Ambulanz stehen dem Thema aufgrund der Keimübertragung und der Allergene verständlicherweise kritisch gegenüber. Wir haben bei unserem Sohn die Erfahrung gemacht, dass ihm der Umgang mit einem Hund gut tut. Der Alltag eines mukoviszidosekranken Kindes wird ja oft davon bestimmt, dass es kontinuierlich umsorgt wird. Durch unseren Hund hat mein Sohn gelernt, selbst Verantwortung zu übernehmen. Das hat ihm dabei geholfen, eine andere Perspektive einnehmen zu können und nicht immer nur sich als denjenigen zu begreifen, um den sich gekümmert werden muss. Trotz dieser Erfahrung ist jedoch immer der individuelle Gesundheitszustand eines jeden Betroffenen ausschlaggebend, weshalb ich keine eindeutige Empfehlung für oder gegen ein Haustier geben kann.

muko.blog: Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Marc Taistra

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