Meine persönliche CF-Geschichte: Mukoviszidose und der eigene Leistungsanspruch – Ein Balanceakt

Im Mukoviszidose Monat Mai möchten wir Mukoviszidose bekannter machen und zeigen, wie das Leben mit der Krankheit wirklich ist. Im Rahmen unserer Aktion „Erzähl Deine CF-Geschichte“ erzählt daher heute Denise von ihrem Leben. Ihr Schwerpunkt: der Balanceakt zwischen dem eigenen Leistungsanspruch und der CF.

Denise am Meer
Denise berichtet vom Balanceakt zwischen der Mukoviszidose und dem eigenen Leistungsanspruch.

Kennst du diese innere Stimme? Diese Stimme, die dir sagt: „Das reicht noch nicht!“ oder „Du musst noch mehr schaffen!“?

Viele Menschen kennen diese besagte Stimme, sowie den inneren Motivator, der sie antreibt, immer noch mehr zu leisten. Das ist insbesondere in einer Leistungsgesellschaft wie unserer auch kein Wunder. Kommt aber noch eine chronische Erkrankung wie die Mukoviszidose oben drauf oder eine sonstige körperliche Einschränkung, kann das zu einer noch komplexeren Situation und einem stärkeren inneren Konflikt führen. Ein Konflikt, der durch den Wunsch entsteht, dem inneren, sowie dem externen Leistungsanspruch gerecht zu werden und gleichzeitig den Bedürfnissen des eigenen Körpers nachzukommen. Das ist für viele Menschen in unserer heutigen Welt ein Balanceakt, aber wenn dann noch eine chronische Erkrankung, bei der die physischen Grenzen klar abgesteckt sind, mit ins Spiel kommt, wird diese Diskrepanz umso deutlicher.

Eine normale Kindheit

Nachdem ich mich – infolge meiner Diagnose im Alter von zwei Jahren – gut von dem ersten gesundheitlichen Rückschlag meines Lebens erholt hatte, lief meine Kindheit eigentlich ganz normal ab. So normal, wie es für ein Kind mit Mukoviszidose halt sein konnte. Hinter verschlossenen Türen verbrachte ich natürlich viel Zeit mit meinen Therapiemaßnahmen, aber nach außen hätte man wohl kaum vermutet, dass bei mir etwas „anders“ wäre.

Im Laufe der Zeit, vor allem in der Jugend, fiel es mir allerdings immer schwerer, „mitzuhalten“. Einerseits körperlich, andererseits in Bezug auf meine zeitlichen Kapazitäten. Bei Freunden übernachten, auf Schulfahrten mit dabei sein… gesundheitliche Rückfälle und längere Krankenhausaufenthalte kamen später hinzu. Die Diskrepanz wuchs immer weiter – die Diskrepanz zwischen „können“ und „müssen“. Und so wurde der innere Anspruch an mich selbst immer größer, mit meinen Mitmenschen und den Anforderungen des Lebens mithalten zu können.

Der Traum als junge Frau: selbstständig und ortsunabhängig arbeiten

Während ich als junge Frau Mitte 20 meinem Traum nachging, mich beruflich selbstständig zu machen, nahm diese innere Stimme oft Überhand. Ich orientierte mich an den Businessgründer:innen da draußen, die ortsunabhängig arbeiteten und das von überall auf der Welt taten. Aufgrund meiner Liebe zum Reisen wollte ich damals genau das. Ich orientierte mich dabei an Menschen, die keine Krankheit hatten oder anderweitig körperlich eingeschränkt waren, was mich einerseits sehr motivierte, mir andererseits häufig das Gefühl gab, dass ich grundsätzlich nicht genug leistete. Um mir etwas aufzubauen, von dessen Einnahmen ich adäquat leben konnte, musste ich einfach viel schaffen. Ein großes Plus war, dass mir alles, was ich tat, viel Freude bereitete. Dennoch hätte ich mir Vorbilder gewünscht, die mit einer Krankheit wie meiner das lebten, was ich mir erträumte.

Und für viele Jahre lief es wie folgt ab: In den Phasen, in denen es mir gesundheitlich besser ging, schaffte ich viel, überschritt aber regelmäßig meine Grenzen. An den Tagen bzw. in den Phasen, in denen es mir schlechter ging, wünschte ich mir, mehr tun zu können. Das verstärkte den inneren Konflikt, der sich über die Jahre zunehmend auf meine Psyche auswirkte.

Ein Erlebnis brachte ein Umdenken

Ein Vorfall im letzten Jahr brachte mich dann zu dem Punkt, an dem ich realisierte, dass es so nicht weitergehen konnte. Es war in einer gewissen Phase so, als müsste ich nachholen, was ich im Jahr zuvor durch einen langen Krankheitsfall „versäumt“ hatte. Ich brachte mich selbst durch einen Job, der mir nicht gut tat, mir Kraft und viel Zeit raubte, aber eine gute Entlohnung mit sich brachte, in ein Burnout. Ein Vorfall brachte mich dazu, die Art und Weise, wie ich lebte und arbeitete, gründlich zu überdenken: Ich war die Treppe heruntergefallen und böse auf Arm und Rücken gestürzt – weil ich, während ich die Stufen hinunterging, eine Email geschrieben hatte.

Ein Weckruf, der mich dazu brachte, dieses Muster endlich zu verändern.

Und heute?

Heute mehr denn je lerne ich, dass mein Wert nicht von meiner Leistung abhängig ist. Messen kann ich meinen persönlichen Erfolg daran, wie ich abends ins Bett falle – erfüllt und gelassen oder voller Gedanken darüber, ob ich genug geschafft habe.

Denise am Schreibtisch mit Laptop
Denise hilft als Schreibmentorin Menschen, die ihr erstes Buch schreiben möchten.

Im Anschluss an meinen Sturz habe ich mich beruflich neuorientiert und helfe seither Menschen als Schreibmentorin dabei, ihr eigenes Buch zu schreiben. So bringe ich meine eigenen Erfahrungen als Autorin ein und fungiere als Schreibbegleitung – eine für mich sehr erfüllende Arbeit, bei der ich anderen Menschen helfen kann und zugleich genügend Zeit für mich und meine Gesundheit zur Verfügung habe. Und mit „Gesundheit“ meine ich nicht nur die Mukoviszidose. Es geht vor allem darum, immer wieder einfach „sein“ zu dürfen, Pausen zu machen, an der frischen Luft zu sein, sich zu bewegen. Das entlastet die Psyche extrem.

Es ist und bleibt ein Lernprozess und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich nicht abdrifte in diesen Leistungsanspruch. Routinen helfen mir da, am Ball zu bleiben und meinem Tag Struktur zu geben. Ich würde mir wünschen, dass in der Gesellschaft mehr Wert auf eine Work-Life-Health-Balance gelegt würde. Und dass in dem Leben mit CF auch Raum für die berufliche Erfüllung und Entfaltung der eigenen Möglichkeiten da ist und auf alle weiteren Lebensbereiche, statt sich nur auf die Krankheit bzw. Erhaltung der Gesundheit zu konzentrieren. Denn das Leben ist komplex und darf ganzheitlich betrachtet werden – und vor allem das Leben es wert, wirklich gelebt und ausgekostet zu werden.

Denise Yahrling

Zu Denises Website

Am 9. Mai 2022 bietet Denise ein kostenloses Online-Seminar zum Thema „Weg frei für die Realisierung Deines Buchtraumes an. Mehr dazu

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